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Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen.

Von D. Samuel Hahnemann.

Zweiter Teil des Artikels in Hufelands Journal 1796, II. Band, Viertes Stück, S. 465-561  [zum ersten Teil]


E i n l e i t u n g :
Im zweiten Teil seines Artikels in Hufelands Journal versucht Hahnemann seine im ersten Teil vorgetragenen Thesen durch zahlreiche Beispiele zu belegen. So schildert er die Wirkungen damals verwendeter Arzneien auf Gesunde (bzw. Vergiftungen) und deren mögliche Verwendung nach den von ihm benannten Kriterium der Ähnlichkeit. Er bezieht sich auf zahlreiche Fälle aus der zeitgenössischen medizinischen Literatur und beruft sich auch auf eigene Erfahrungen und auf Versuche, in denen er Arzneien an sich selbst und anderen geprüft hatte. Auch hier weist er auf Mißstände in der damaligen Medizin hin, wie z. B. auf die durchaus häufige Überdosierung von Digitalis, auf die Verwechslung von Quecksilbervergiftungen mit der Syphilis usw. Er schildert hier auch einige Heilungen unter dem Gesichtspunkt der Ähnlichkeit.

I n h a l t :
Chinarinde - Matricaria chamomilla - Arnica montana (Heilungen: 1 2 ) - Achillea millefolium - Valeriana officinalis - Anagallis arvensis - Viscum album - Conium maculatum (Heilungen: 1 2 ) - Aethusa cynapium - Cicuta virosa - Menispermum cocculus - Paris quadrifolia - Kaffee - Solanum dulcamara - Solanum nigrum - Atropa belladonna - Hyoscyamus niger - Datura stramonium - Nicotiana tabacum - Strychnos Nux Vomica (Heilungen: 1 ) - lgnatia amara - Digitalis purpurea ( Überdosierung ) - Viola tricolor - Ipekakuanhe - Nerium oleander - Nerium antidysentericum - Arbutus uvaursi - Rhododendrum chrysanthum - Ledum palustre - Papaver somniferum ( 2 ) - Blei - Quecksilber ( 2 Mißbrauch ) - Arsenik - Taxus baccata - Aconitum napellus (mit Photo) - Helleborus niger - Anemone pratensis - Geum urbanum - Bittermandelstoff - Prunus padus - Drosera rotundifolia - Sambucus nigra - Rhus radicans - Kampher - Aesculus hippocastanum - Kermesphytolacke - Ulmus campestris - Cannabis sativa - Crocus sativus - Lolium temulentum - Scilla maritima - Veratrum album (mit Photo; Heilungen: 1 2 ) - Sabadillsamen - Agaricus muscarius - Myristica aromatica - Rhabarber

Anmerkung: Einige Familien - und Artnamen sind in der Wiedergabe des Artikels in Stapfs "Hahnemann - Kleine medizinische Schriften" verändert, z. B. Seandia statt Scandix, Boletus laricis statt Boletus igniarius usw.

 

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Zweyter Band Viertes Stück,

(Fortsetzung)

Hufelands Journal 1796, Bd. 2, Viertes Stück
Ich habe in meinen Zusätzen zu Cullen 's Arzneimittellehre schon angemerkt, daß die Fieberrinde in großen Gaben bei empfindlichen, obgleich gesunden Personen einen wahren Fieberanfall errege, der dem eines Wechselfiebers sehr ähnlich sei, und deshalb wahrscheinlich lezteres überstimme und so heile. Jezt setze ich nach reiferer Eerfahrung hinzu: nicht nur wahrscheinlich, sondern ganz gewiß.

Ich sahe eine gesunde, empfindliche, zur Hälfte schwangere Person von straffer Fiber fünf Tropfen ätherisches Öl vom Kamillmettram (Matricaria chamomilla) gegen Wadenkrampf einnehmen. Die Gabe war viel zu stark für sie. Es entstand Unbesinnlichkeit; der Wadenkrampf vermehrte sich, es entstanden überhingehende Zuckungen an den Gliedmasen, in den Augenliedern, u. s. w. Eine Art hysterischer Bewegung über dem Nabel und Wehen, den Geburtswehen nicht unähnlich, nur lästiger, hielten mehrere Tage an. Es erklärt sich hieraus, warum der Kamillmettram so hülfreich in Nachwehen, in allzu großer Beweglichkeit der Faser und in Hysterie befunden wird, wenn er in Gaben, worinn er nicht selbst dergleichen merklich erregen kann (also in weit kleinern, als die gedachte war) angewendet wird.

Ein mit Leibesverstopfung seit langer Zeit beschwerter, sonst nicht ungesunder Mann bekam von Zeit zu Zeit Anfälle von Schwindel, welche Wochen und Monate lang anhielten. Leib erröfnende Dinge halfen nichts. Ich gab ihm die Wurzel vom Fallkrautwohlverleih (Arnica montana) eine Woche lang, weil ich wußte, daß sie vor sich Schwindel bewirkt, in steigender Gabe mit gewünschtem Erfolge. Weil sie den Leib zu eröffnen pflegt, hielt sie während dem Gebrauche den Leib offen, durch gegenseitigen Effekt, als Palliativ; deshalb kam die Leibesverstopfung, nach beiseite gesetztem Gebrauche der Wurzel, wieder, der Schwindel war aber auf immer geheilt. – Diese Wurzel erregt, wie ich nebst Andern wahrgenommen, ausser andern Wirkungen, auch Uebelkeit, eine Unruhe, Aengstlichkeit, Verdrüßlichkeit, Kopfweh, Magendrücken, leeres Aufstoßen, Leibschneiden, und öftere kleine Kothausleerungen mit Stuhlzwang. Diese Wirkung, nicht Stollen 's Vorgang bestimmten mich, sie in einer ganz einfachen (gallichten) Ruhr anzuwenden. Die Zufälle derselben waren Unruhe, Aengstlichkeit, ausnehmende Verdrüßlichkeit, Kopfweh, Uebelkeit, eine völlige Geschmacklosigkeit aller Speisen, ranziger, bittrer Geschmack auf der (reinen) Zunge, öfteres leeres Aufstoßen, Magendrücken, immerwährendes Leibschneiden, gänzlich zurückgehaltene Kothausleerung, und dagegen reiner Abgang eines grauen oder durchsichtigen, zuweilen harten weißen karunkelartigen Schleims, theils innig mit Blut gemischt, theils mit Blutstriemen, auch ohne Blut, täglich ein, höchstens zweimahl, mit dem grausamsten, anhaltendsten Stuhlzwange und Pressen begleitet. So selten die Ausleerungen waren, so schnell sanken doch die Kräfte; noch weit schneller aber (und ohne Besserung, eher mit Verschlimmerung des Hauptübels), wenn Abführungsmittel angewendet wurden. Es waren größtentheils Kinder, auch unter einem Jahre; doch auch einige Erwachsene. Die Diät und übrige Lebensordnung war zweckmäsig. Wenn ich nun die Krankheitssymptome, die die Arnikawurzel erregt, mit denen verglich, die diese einfache Ruhr hervor brachte, so konnte ich ihrer auffallenden Aehnlichkeit wegen, dreist den Inbegriff der Wirkungen der erstern den gesammten Symptomen der leztern entgegen setzen. Es geschah mit dem ausgezeichnetsten Erfolge, ohne daß ich etwas anderes dabei zu brauchen nöthig hatte. Vor der Anwendung der Wurzel gab ich ein wirksames Brechmittel, *)

*) Ohne den Gebrauch der Arnikawurzel nahmen die Brechmittel den ranzigen, bittern Geschmack nur auf zwei oder drei Tage hinweg, alle übrige Zufälle blieben, sie mochte auch noch so oft wiederhohlt werden.

und hatte es kaum in zwei Fällen nöthig zu wiederhohlen, weil die Arnika die verdorbne Galle (auch ausser dem Körper) zu bessern pflegt, und ihre Verderbniß hindert. Die einzige Unbequemlichkeit, die ich von ihr bei dieser Ruhr hatte, war, daß sie gegen die Kothzurückhaltung als entgegengeseztes Mittel wirkte, und öftere, obgleich kleine Ausleerungen der Exkremente verursachte, folglich als Palliativ. Die Folge war daher, wenn ich die Wurzel aussetzte, anhaltende Leibesverstopfung. *)

*) Auch mußte ich täglich mit den Gaben steigen, schneller als man bei der Anwendung irgend einer wirksamen Arznei zu thun genötigt ist. Ein vierjähriges Kind bekam anfänglich vier Gran täglich einmahl, zulezt sieben, acht, und neun Gran. Die sechs und siebenjährigen konnten anfänglich nur sechs Gran ertragen, zulezt waren zwölf und vierzehn Gran nöthig. Ein dreivierteljähriges Kind konnte, da es von oben nichts nahm, anfänglich nur zwei Gran (mit blosen warmen Wasser gemischt) im Klystire ertragen, zulezt waren sechs Gran nöthig.

Auf eine andre weniger einfache Ruhr, etwa mit einem häufigen Durchlaufe begleitet, möchte daher dieser lezt gedachten Eigenschaft wegen die Arnikawurzel noch besser, noch genauer passen; hier würde diese Eigenschaft als ähnlich wirkendes, folglich permanentes Heilmittel in der ersten direkten Wirkung ihre Neigung zu öftern Kothausleerungen äussern, in ihrer direkten Nachwirkung aber sie ausdrücklich stillen.

Dieß hat die Erfahrung auch schon bestätigt; sie hat sich schon in den schlimmsten Durchfällen als vortreflich bewährt. Sie stillt sie, weil sie selbst (vorzüglich ohne den Körper zu schwächen) öftere Ausleerungen zu erregen geartet ist. Hier darf sie, um in Durchfällen ohne Materie hülfreich zu werden, nur in so kleinen Gaben gereicht werden, daß sie nicht offenbar ausleert, oder in Durchfällen von scharfen Stoffen, in größern, ausleerenden Gaben; und die Absicht wird bald erreicht.

Von dem Misbrauche eines Aufgusses der Arnikablumen sahe ich Drüsengeschwülste entstehen; ich müßte mich sehr irren, wenn sie dergleichen nicht heben sollte, bei gemäsigtern Gaben.

Man sehe zu, ob die Schafgarbe (Achillea Millefolium) in großen Gaben nicht selbst Blutflüsse zu erregen im Stande ist, da sie in gemäsigten Gaben gegen chronische Blutflüsse so hülfreich ist.

Es ist kein Wunder, daß der Katzenbaldrian (Valeriana officinalis) in mäsigen Gaben die chronischen Krankheiten von allzu großer Reitzbarkeit hebt, da er vor sich in starker Gabe die Reitzbarkeit des ganzen Körpersystems, wie ich erfahren habe, so ungemein zu erhöhen pflegt.

Der Streit, ob das Ackergauchheil (Anagallis arvensis) und die Rinde des Leimmistels (Viscum album) jene großen Heilkräfte, oder gar keine besitzen, würde sogleich aufhören, wenn man bei Gesunden in Erfahrung gebracht hätte, ob große Gaben widrige Wirkungen und eine ähnliche künstliche Krankheit hervorbrächten, als die ist, der man sie entgegen zu setzen bisher nur empirisch sich bemüht hat.

Die spezifische künstliche Krankheit, und die eigenthümlichen Beschwerden, die der Fleckenschierling (Conium maculatum) erregt, sind lange nicht so genau aufgezeichnet, als sie es verdienen; wohl aber sind von dem empirischen Lobe und dem eben so empirischen Tadel dieser Pflanze ganze Bücher angefüllt. Wahr ist´s, daß er Speichelfluß erzeugt hat; er mag dann wohl eine das Lymphsystem erregende Kraft besitzen, und bleibende Dienste leisten, wo die allzu große, anhaltende Thätigkeit der absorbirenden Gefäße einzuschränken ist. *)

*) Will man ihn bei Unthätigkeit derselben anwenden, so wird er anfangs palliativ wirken, nachgehends wenig oder nichts dagegen ausrichten und beizu schaden durch Hervorbringung des dem gewünschten entgegen gesetzten Zustandes.

Da er nun zudem Schmerzen, (in großen Gaben heftige Schmerzen) in den Drüsen erregt; so ist es leicht zu glauben, daß er bei schmerzhaften Drüsenverhärtungen, beim Krebse, und bei den schmerzhaften Knoten, die der Quecksilbermisbrauch zurückläßt, in mäsiger Gabe angewendet, das vortrefflichste Mittel ist, nicht nur diese besondre Art chronischer Schmerzen fast spezifisch zu stillen, weit wirksamer und dauerhafter als der palliative Mohnsaft und alle übrigen narkotischen Mittel, welche eine andere Wirkungsdirektion haben, sondern auch die Drüsengeschwülste selbst zu zertheilen, wenn sie entweder (wie gesagt) eine allzu große lokale oder allgemeine Thätigkeit der Lymphgefäße zum Grunde haben, oder in einem sonst kräftigen Körper sich befinden, daß es fast blos der Hinwegnahme der Schmerzen bedarf, um die Natur in Stand zu setzen, das Uebel allein hinwegzunehmen. Schmerzhafte Drüsengeschwülste von äussern Quetschungen sind von der Art. *)

*) Ein gesundes Bauernkind bekam von einem heftigen Fall an der Unterlippe einen schmerzhaften Knoten, der binnen vier Wochen an Härte, Größe und Schmerzhaftigkeit schon sehr zugenommen hatte. Aufgelegter Dicksaft von Fleckenschierling brachte die Kur binnen 14 Tagen zu Stande, ohne Rückkehr. – Eine sonst ungemein gesunde, starke Magd hatte sich beim Tragen einer großen Last durch die Bänder des Tragkorbs die rechte Brust heftig gedrückt. Es entstand ein kleiner Knoten, der binnen sechs Monaten bei jedem Eintritte des Monatsflusses an Heftigkeit der Schmerzen zunahm, so wie an Größe und Härte. Der aufgelegte Dicksaft des Fleckenschierlings bezwang ihn, blos äusserlich aufgelegt, binnen fünf Wochen. Es würde noch eher geschehen seyn, wenn er die Haut nicht angegriffen und schmerzhafte Pusteln zusammen gezogen hätte, daher er oft etliche Tage beiseite gelegt werden mußte.

Im wahren Brustkrebse, wo ein entgegengesetzter Zustand des Drüsensystems eine Trägheit desselben vorzuwalten scheint, mußte er freilich (ausser einer anfänglichen Erleichterung der Schmerzen) im Ganzen schaden, und vorzüglich muß er das Uebel verschlimmern, wenn, wie oft, der Körper durch die langwierige Marter entkräftet ist, und zwar um desto geschwinder verschlimmern, da sein anhaltender Gebrauch schon vor sich Schwächung des Magens und des ganzen Körpers als Nachwirkung zu hinterlassen pflegt. Eben aus der Ursache, weil er das Drüsensystem spezifisch erregt, wie andre Doldengewächse, vermag er, wie schon ältere Aerzte angemerkt haben, die allzu häufige Absonderung der Milch zu heben. Da er in großen Gaben vor sich schon Neigung zeigt, den Gesichtsnerven zu lähmen, so wird es begreiflich, warum er sogar im schwarzen Staare Hülfe geleistet hat. Er hat krampfhafte Beschwerden, Keuchhusten und Fallsucht gehoben, weil er selbst Konvulsionen zu erregen geneigt ist. Noch gewisser wird er bey Augenkonvulsionen und Gleiderzittern Dienste leisten, da er genau dieselben Zufälle in großen Gaben hervorzubringen geeignet ist. Eben so im Schwindel.

Den Wink, daß der Hundsdillgleiß (Aethusa Cynapium) ausser andern Zufällen Erbrechen, Durchlauf, Kolikschmerzen, Cholera und einigen, deren Wahrheit ich nicht verbürgen kann (allgemeiner Geschwulst u. s. w.) so spezifisch Blödsinnigkeit, auch mit Raserei abwechselnde Blödsinnigkeit erregt, sollten díe behutsamen Aerzte in dieser sonst so wenig heilbaren Krankheit nutzen. Ich hatte ein selbst bereitetes gutes Extrakt (Dicksaft) davon vorräthig, und da ich mich einstmahls, durch vielerlei schnell auf einander folgende Kopfarbeiten, zerstreut und unfähig fand, etwas zu lesen, so nahm ich einen einzigen Gran davon ein. Der Erfolg war eine ungemeine Aufgelegtheit zu Geistesarbeiten mehrere Stunden bis zur Zeit des Schlafengehens. Den andern Tag aber war ich weniger aufgelegt.

Der Giftwütherich (Cicuta virosa) bewirkt unter andern heftiges Schlund- und Magenbrennen, Tetanus, tonischen Krampf der Blase, Kinnbackenkrampf, Gesichtsrose (Kopfschmerzen) und wahre Fallsucht; alles Krankheiten, wogegen wir noch wirksame Heilmittel bedürfen und alle Hoffnung nach dieser herkulisch wirkenden Wurzel zum Theil finden werden in der Hand des behutsam kühnen Arztes.

Amatus der Portugiese hat von den Kockelskörnern (Saamen des Menispermum Cocculus) beobachtet, daß sie schon zu vier Gran Uebelkeit, Schluchsen und Aengstlichkeit einem erwachsenen Menschen verursacht haben. Thieren machen sie eine schnelle, heftige, aber, wenn die Gabe nicht tödlich war, bald vorrüber gehende Betäubung. Unsre Nachkommen werden ein sehr wirksames Arzneimittel in ihnen finden, sobald die krankhaften Beschwerden, die diese Saamen verursachen, noch genauer gekannt seyn werden. Die Indianer bedienen sich der Wurzel dieses Baumes unter andern in bösartigen (folglich mit Betäubung verbundnen) Nervenfiebern.

Man hat das Kraut der Vierblatteinbeere (Paris quadrifolia) in Krämpfen wirksam befunden. Die Blätter erregen in größerer Gabe selbst, wenigstens Magenkrampf, nach den noch unvollständigen Erfahrungen, die wir von den krankhaften Erscheinungen besitzen, die sie hervorzubringen vermögen.

Der Kaffee erregt in großer Gabe Kopfschmerzen, und Kopfschmerzen stillt er daher in mäsiger Gabe, wenn sie nicht von Magenverderbniß oder Säure der ersten Wege herrühren. Er befördert die peristaltische Wirkung der Gedärme in größerer Gabe und heilet daher in kleinerer chronische Durchfälle, und so würden die übrigen widernatürlichen Wirkungen, die er erregt, andern ihnen ähnlichen Zufällen des menschlichen Körpers angepasset werden können, wenn wir nicht gewohnt wären, ihn zu misbrauchen. Die betäubende, den Ton der Faser aufreitzende Kraft des Mohnsafts vertreibt er als entgegengesetzt wirkendes Palliativmittel, und zwar zweckmäßig und hinreichend, da er hier keine anhaltende Körperdisposition, sondern nur überhingehende Symptomen zu bekämpfen hat. Auch die Wechselfieberarten, wo Mangel an Reitzbarkeit und übermäsige Straffheit der Faser die sonst spezifische Hülfe der Rinde nicht zuläßt, scheint er blos als Palliativmittel in großen Gaben zu vertreiben, dessen direkte Wirkung jedoch in so großen Gaben auf zwei Tage anhält.

Der Bittersüßnachtschatten (Solanum Dulcamara) bringt unter andeern starke Geschwulst der kranken Theile, und empfindliche Schmerzen oder Gefühllosigkeit derselben, auch wohl Lähmung der Zunge (auch des Gesichtsnerven?) in großer Gabe hervor. Vermöge lezterer widrigen Wirkungen ist es kein Wunder, daß er Lähmungsbeschwerden, scharzen Staar und Taubheit bezwungen hat, und noch spezifischere Hülfe in der Zungenlähmung leisten wird, in mäsigerer Gabe. Vermöge der erstern beiden Eigenschaften ist er ein Hauptmittel im chronischen Rheumatism, und in den nächtlichen Schmerzen vom Quecksilbermisbrauche. – .Vermöge seiner Kraft, Strangurie zu erregen, hat er in hartnäckigen Trippern Dienste geleistet und wegen seiner Neigung, Jucken und Stechen in der Haut hervorzubringen, beweiset er sich hülfreich in vielen Hautausschlägen, und alten Geschwüren, selbst denen vom Quecksilbermisbrauche. – Da er vor sich, in großer Gabe, Krämpfe an den Händen, den Lippen und Augenliedern, so wie Zittern in den Gliedmasen zuwege bringt, so kann man leicht erachten, warum er auch in krampfhaften Uebeln dienlich gewesen ist. In der Mutterwutth wird er wahrscheinlich diensam seyn, da er die Nerven der weiblichen Geschlechtstheile so spezifisch erregt und Jücken und Schmerzen dieser Theile (in größrer Gabe) zu erzeugen im Stande ist.

Die Beeren des Schwarznachtschattens (Solanum nigrum) haben wunderbare Verdrehungen der Glieder, sonst auch Irrereden erzeugt; es ist daher wahrscheinlich, daß diese Pflanze in der sogenannten Besessenheit (dem Wahnsinne mit wunderlich emphatischen, oft unverständlichen, ehedem für Prophezeihung und fremde Sprachen gehaltenen Reden, und Verdrehungen der Gliedmasen vergesellschaftet) Dienste thun werde, vorzüglich, wo Schmerzen in der Gegend des Magens zugleich vorhanden sind, die die Beeren ebenfalls in größerer Gabe erregen, folglich auch in kleinerer Gabe heben. – Da das Kraut Gesichtsrose erzeugt, so kann es hierinn hülfreich seyn, wie man auch von ihrem äußerlichen Gebrauche wahrgenommen hat. Da er noch stärker als der Bittersüßnachtschatten durch innern Gebrauch äussere Geschwulsten, das ist vorübergehende Hemmung des absorbirenden Systems, in seiner anfänglichen direkten Wirkung erregt, so daß dann seine große diuretische Eigenschaft nur die indirekte Nachwirkung ist, so läßt sich seine große Tugend in der Wassersucht, durch ähnliche Wirkung, wohl einsehen, eine Arzneitugend die um so mehr die Aufsuchung verdient, da die meisten Mittel, die wir gegen diese Krankheit besitzen, blos entgegengesetzt handelnde (das Lymphsystem nur transitorisch aufreizende) folglich palliative, einer dauerhaften Kur unfähige Mittel sind. Da er ferner in großer Gabe nicht nur Geschwulst, sondern entzündete allgemeine Geschwulst, mit juckenden und unerträglich brennenden Schmerzen, Steifigkeit der Glieder, Pustelausschlag, Abschuppung der Haut, Geschwüre, Brandschorfe zuwege bringt, was Wunder daß er, äusserlich aufgelegt, verschiedne Schmerzen und Entzündungen gehoben hat. – Nimmt man aber alle krankhafte Symptomen zusammen, die der Schwarznachtschatten erregt, so kann man die auffallende Aehnlichkeit mit der Kriebelkrankheit nicht verkennen, für die er höchst wahrscheinlich ein spezifisches Hülfsmittel seyn wird.

Es ist wahrscheinlich, daß die Belladonnschlafbeere (Atropa belladonna) wo nicht gar im Tetanus, doch im Trismus (weil sie selbst eine Art davon erregt) und in der krampfhaften Schwierigkeit zu schlucken (da sie dergleichen selbst so spezifisch erzeugt) hülfreich seyn wird; beides liegt in ihrer direkten Wirkung. Ob ihre Kraft gegen Hundswuth, wenn sie dergleichen wirklich besitzt, von lezt gedachter Eigenschaft allein herrühre oder auch zugleich von der palliativen Kraft der Belladonne, auf mehrere Stunden die in der Hundswuth so hoch steigende Reitzbarkeit und Ueberempfindlichkeit zu unterdrücken, lasse ich dahin gestellt seyn. Ihre Tugend, verhärtete, schmerzhafte, exulzerirte Drüsen zu beruhigen und aufzulösen, wird unleugbar durch ihre Eigenheit, in diesen Drüsengeschwülsten einen bohrenden nagenden Schmerz in gerader Wirkung zu erzeugen. Doch dünkt mir, daß sie in denen von übermäsig erregtem absorbirenden Systeme entstandnen nur entgegengesetzt, das ist, palliativ und nur auf kurze Zeit wirke, (mit nachgängiger Verschlimmerung, wie bey allen Palliativen chronischer Uebel der Fall ist,) auf die von allzuträgem Lymphsysteme aber durch ähnliches Krankheitserzeugniß, das ist, bleibend und dauerhaft. (Dann wäre sie gerade in solchen Drüsenverhärtungen dienlich, wo Fleckenschierling nicht gebraucht werden kann, und dieser dienlich, wo erstere schadet). Da sie jedoch bei anhaltendem Gebrauche (mittelst ihrer indirekten Nachwirkung) den ganzen Körper erschöpft und bei nur einigermasen zu sehr erhöheten oder allzu kurze Zeit auf einander folgenden Gaben leicht ein gangrenöses Fieber erregt, so wird ihre gute Wirkung gar oft von diesen Nebennachtheilen verschlungen und alles geht dem Tode entgegen (vorzüglich bei Krebskranken, deren Kräfte zuweilen von mehrjährigen Leiden aufgerieben sind) wenn sie nicht behutsam und bei einigermasen noch robusten Kranken gebraucht wird – Wuth erregt sie (so wie obgedachtermasen eine Art tonischen Krampf) gerade zu, klonische Krämpfe aber (Konvulsionen) nur als Nachwirkung mittelst des nach der direkten Wirkung der Belladonne (thierische und natürliche Verrichtungen zu hemmen) nachbleibenden, Körperzustandes. Daher ist ihre Tugend in Fallsucht mit Raserei verbunden, immer am wirksamsten gegen leztere gerichtet gewesen, während erstere durch die entgegengesetzte (palliative) Wirkung der Belladonne größtentheils nur geändert zu werden und in Zittern und ähnliche, mehr geschwächeten, reizbaren Körpern eigne Krämpfe überzugehen pflegte. Aller Krampf, den die Belladonne in ihrer anfänglichen geraden Wirkung erregt, ist eine Art tonischer; zwar sind die Muskeln in lähmungsartiger Erschlaffung, aber die mangelnde Reitzbarkeit bewirkt doch eine Art Unbeweglichkeit, und eine Empfindung von Gebundenheit, als wenn Konstriktion da wäre. Da die Raserei, die sie erregt, wilder Art ist, so besänftigt sie Rasereien dieser Art, oder benimmt ihnen wenigstens das Stürmische. Indem sie die Rückerinnerung in direkter Wirkung unterdrückt, so wird die Nostalgie von ihr verschlimmert, auch wohl erregt, wie ich erfahren. *)

*) Sie wird deshalb im geschwächten Gedächtnisse hülfreich seyn.

Auch der bemerkte erhöhete Abgang des Harnes, des Schweises, des Monatflusses, des Stuhlgangs und des Speichels, sind blos Folgen des nachbleibenden entgegengesetzten Körperzustandes von übermäßig erhöheter Reitzbarkeit oder doch Empfindlichkeit, während der indirekten Nachwirkung, wenn die anfängliche gerade Wirkung der Belladonne verlöscht ist, während welcher alle die genannten Ausleerungen, wie ich mehrmahls beobachtet habe, oft zehn und mehrere Stunden auf größere Gaben völlig unterdrückt sind. In Fällen also, wo die genannten Aussonderungen schwierig von statten gehen und eine wichtige Krankheit veranlassen, hebt diese Schwierigkeit die Belladonne als ähnlich wirkendes Mittel, wenn diese Schwierigkeit Straffheit der Faser, und Mangel an Reitzbarkeit und Empfindung zur Ursache hat, dauernd und nachdrücklich. Ich sage mit Fleiß, "wichtige Krankheiten" denn nur gegen solche ist es erlaubt, eine der heftigsten Arzneien, welche so große Behutsamkeit nöthig hat, anzuwenden. Einige Arten von Wassersucht, Bleichsucht u. s. w. sind in diesem Falle. — Die große Neigung der Belladonne, den Sehnerven zu lähmen, macht sie als ähnlich wirkendes Mittel wichtig in der Amaurosis. *)

*) Wovon mir selbst sehr gute Wirkungen bekannt sind.

– In gerader Wirkung hindert sie den Schlaf, und nur Folge des von dem Nachlasse dieser Wirkung erzeugten entgegengesetzten Zustandes ist der tiefe Schlaf, der nachgehends entsteht. Durch jene künstliche Krankheit also wird die Belladonne langwierige Schlaflosigkeiten (etwa von Mangel an Reitzbarkeit) dauerhafter heben, als irgend ein Palliativ.

Man will sie in der Ruhr hülfreich befunden haben; vermuthlich, da sie in direkter Wirkung den Stuhlgang hindert, in der einfachsten Ruhr mit zurückgehaltener Kothausleerung und seltner Oeffnung, nicht aber in ruhrartigen lienterischen Durchfällen, wo sie durchaus schaden muß. Ob sie aber in Rücksicht ihrer übrigen Wirkungen der Ruhr angemessen sei, getraue ich mir nicht zu bestimmen.

Sie erregt Schlagfluß; ist sie, wie man behauptet, im serösen Schlagflusse dienlich befunden worden, so ist es dieser Eigenheit wegen geschehen. Ueberdies erfolgt in ihrer direkten Wirkung ein innerliches Brennen, mit Kälte der äussern Theile.

Ihre direkte Wirkung dauert 12, 24 bis 48 Stunden. Unter zwei Tagen sollte man daher die Gabe nicht wiederhohlen. Eine geschwindere Wiederhohlung auch noch so kleiner Gaben muß einer starken Gabe an (gefährlichen) Wirkungen gleichkommen. Dieß lehrt auch die Erfahrung.

Der Umstand, daß der Schwarzbilsen (Hyoscyamus niger) in starker Gabe die Lebenswärme beträchtlich mindert und den Ton auf kurze Zeit in der direkten Wirkung erschlafft, und daher in jählingen Zufällen von angespannter Fiber und Entzündung in mäsiger Dosis ein sehr wirksames äusseres und inneres Palliativmittel ist, gehört nicht hieher, wohl aber die Bemerkung, daß diese seine Eigenschaft die chronischen Beschwerden von straffer Faser bei jeder Gabe nur sehr unvollkommen palliativ mildert, im Ganzen aber durch seine indirekte, der erstern gerade entgegen stehende Nachwirkung mehr vermehrt als mindert; dagegen wird er in chronischer Schlaffheit der Fiber die Kraft der Stärkungsmittel unterstützen helfen, da er in erster Wirkung erschlafft und in der Nachwirkung den Ton nur desto mehr, und zwar dauerhaft, hebt. Er besitzt überdem die Kraft, in großen Gaben Blutflüsse zu erregen, nahmentlich Nasenbluten und öfter wiederkehrenden Monatfluß, wie ich nebst Andern erfahren. Aus eben diesem Grunde stillt er chronsche Blutflüsse in kleinen Gaben äusserst wirksam und dauerhaft. – Am merkwürdigsten ist die künstliche Krankheit, die er in recht großen Gaben zuwege bringet, verdachtsamer, zankender, boshaft beleidigender, rachsüchtiger, mishandelnder, furchtloser *)

*) Die nachfolgende indirekte Nachwirkung ist eine Art Zaghaftigkeit und Furchtsamkeit.

Wahnsinn (die Alten nannten daher den Bilsen, Altercum), und eben diese Art Wahnsinn ist es, die er spezifisch heilt, nur daß straffe Fiber hier zuweilen seine dauerhafte Wirksamkeit hindert. Schwerbeweglichkeit und Unempfindlichkeit der Gliedmasen und die apoplektischen Zufälle, die er erregt, mag er auch wohl zu heilen im Stande seyn. In hohen Gaben erregt er in direkter anfänglicher Wirkung Konvulsionen, und ist eben deshalb in Epilepsie heilsam, vermuthlich auch in dem dabei gewöhnlichen Gedächtnisverluste, da er vor sich Gedächtnißmangel erzeugt.

Seine Kraft, Schlaflosigkeit mit immerwährender Neigung zum Schlummer in gerader Wirkung hervorzubringen, macht ihn in chronischer Schlaflosigkeit zu einem weit dauerhaftern Heilmittel, als der oft nur palliative Mohnsaft ist, vorzüglich da er zugleich den Leib offen erhält, obgleich nur in der indirekten Nachwirkung jeder Gabe, folglich palliativ. Er erregt trocknen Husten, Trockenheit des Mundes und der Nase in direkter Wirkung; er ist daher im Kitzelhusten sehr dienlich, vermuthlich auch im Stockschnupfen. Der von ihm beobachtete Schleimausfluß aus der Nase und Speichelfluß ist nur in seiner indirekten Nachwirkung. Der Saamen macht Krämpfe in den Gesichts - und Augenmuskeln, und bei der Einwirkung auf den Kopf bewirkt er Schwindel und einen stumpfen Schmerz in den unter der Hirnschale liegenden Häuten. Der praktische Arzt wird Nutzen hieraus zu ziehen wissen.

Die direkte Wirkung dauert kaum zwölf Stunden.

Der Tollstechapfel (Datura Stramonium) bewirkt wachende, wunderliche Träume, Unbemerklichkeit des Gegenwärtigen, laute, delirirende Konfabulationen, wie die eines im Schlafe Redenden, oft mit Verwechselung der Persönlichkeit. Eine ähnliche Manie heilt er spezifisch. Er erregt sehr spezifisch Konvulsionen und ist deshalb in Fallsucht öfters heilsam gewesen. Die erstere und die leztere Eigenschaft machen ihn in der Besessenheit heilsam. – Seine Kraft, das Gedächtniß zu unterdücken, giebt Winke, ihn im geschwächten Gedächtnisse zu prüfen. – Am hülfreichsten ist er, wo große Beweglichkeit der Faser zugegen ist, weil er vor sich die Faser in großer Gabe, während der direkten Wirkung beweglich macht. Er macht (in der direkten Wirkung?) Hitze und Erweiterung der Pupille, eine Art Wasserscheu, geschwollenes, rothes Gesicht, Zuckungen in den Augenmuskeln, zurückgehaltene Leibesöfnung, schweres Athemhohlen, in der Nachwirkung langsamen, weichen Puls, Schweiß, Schlaf.

Die direkte Wirkung großer Gaben dauert etwa 24 Stunden, die der kleinen nur 8 Stunden. – Vegetabilische Säuren vorzüglich, wie es scheint, die Zitronsäure hemmen plötzlich seine ganze Wirksamkeit. *)

*) Ein Kranker, der von zwei Gran Dicksaft dieses Krautes jederzeit heftig angegriffen ward, spürte einstmahls von dieser Gabe nicht die mindeste Wirkung. Ich erfuhr, daß er den Saft von vielen Johannisbeeren genossen; eine ansehnliche Gabe gepülverter Austerschalen stellte sogleich die ganze Wirksamkeit des Tollstechapfels wieder her.

Die andern Arten der Datura scheinen ähnlich zu wirken.

Die spezifischen Eigenschaften des Virginientabaks (Nicotiana Tabacum) bestehen unter andern in Minderung der äussern Sinne und Verdunkelung des Sensoriums; Blödsinnigkeit hat daher etwas von ihm zu hoffen.

Schon in kleiner Gabe erregt er die Muskelfaser der ersten Wege heftig, eine Eigenschaft, welche als temporelles, entgegengesetzt wirkendes Mittel (wie bekannt ist, aber nicht hieher gehört) schätzbar wird, als ähnlich wirkendes Mittel aber in chronischer Neigung zum Erbrechen, Neigung zu Koliken, und krampfhafter Verengerung des Schlundes wahrscheinlich Dienste leistet, wie auch schon zum Theil die Erfahrung lehret. (Er vermindert die Empfindung der ersten Wege; daher seine, palliative Eigenschaft Hunger (und Durst?) zu mindern.) – Er benimmt den, dem Willen unterworfenen in großer Gabe ihre Reitzbarkeit und hebt den Einfluß der Gehirnkraft in dieselben temporell auf. Diese Eigenschaft mag ihm, als ähnlich wirkendem Mittel wohl Heilkräfte in der Katalepsie geben, aber durch eben diese Kraft wird sein anhaltender, starker Gebrauch (wie bei Tabaksrauchern und Tabaksschnupfern) dem ruhigen Zustande der Muskeln, die zu den thierischen Verrichtungen gehören, so nachtheilig, daß Neigung zu Fallsucht, Hypochondrie und Hysterie mit der Zeit entsteht. – Die Sonderbarkeit, daß der Gebrauch des Tabaks den Wahnsinnigen so angenehm ist, rührt von dem Instinkte dieser Unglücklichen her, sich eine Gefühllosigkeit in den Hypochondrien *)

*) Hieher gehört auch die zuweilen unauslöschliche Empfindung von Hunger, woran viele Wahnsinnige leiden, und wogegen sie sich des Tabaks am meisten zu bedienen scheinen; wenigstens sahe ich einige, welche kein Verlangen nach Tabak bezeugten, vorzüglich Melancholische, welche aber auch wenig Hunger hatten.

und in dem Gehirn (den beiden gewöhnlichen Orten ihrer Quaal) palliativ zu verschaffen. Als entgegengesetzt wirkendes Mittel aber giebt er ihnen nur temporelle Erleichterung; das Verlangen darnach wächst, ohne zu dieser Absicht endlich zuzureichen, und im Ganzen vermehrt sich das Uebel desto mehr, da er keine bleibenden Dienste leisten kann. Seine direkte Wirkung schränkt sich auf wenige Stunden ein, ausgenommen bei sehr großen Gaben, wo sie bis (höchstens) 24 Stunden hinausgeht.

Die Saamen des Krähenaugenschwindelbaums (Strychnos Nux Vomica), die Krähenaugen, sind eine sehr wirksame Substanz; aber die krankhaften Symptomen, die sie erzeugen, sind noch nicht genau bekannt. Das meiste, was ich davon weiß, ist aus meiner Erfahrung.

Sie erregen Schwindel, Angst, Fieberschauder und in der Nachwirkung eine gewisse Unbeweglichkeit aller Theile, wenigstens der Gliedmasen, und ein konvulsivisches Dehnen, je nachdem die Gabe stark ist. Hiedurch machten sie sich nicht nur, wie man schon weiß, in Wechselfiebern überhaupt, sondern in den apoplektischen besonders hülfreich. In der ersten direkten Wirkung erhält die Muskelfaser eine besondre Beweglichkeit, das Empfindungssystem wird krankhaft erhöhet zu einer Art von Trunkenheit, mit Furchtsamkeit und Schreckhaftigkeit begleitet. Es entstehen Konvulsionen. Die Reitzbarkeit scheint sich bei dieser anhaltenden Einwirkung auf die Muskelfaser zu erschöpfen, zuerst bei den thierischen und den Lebensverrichtungen. Bei dem Uebergange in die indirekte Nachwirkung kömmt Minderung der Reitzbarkeit zuerst bei den Lebensverrichtungen (allgemeiner Schweiß) dann bei den thierischen, zulezt bei den natürlichen Verrichtungen zum Vorschein. Diese Nachwirkung hält vorzüglich bei den leztern mehrere Tage an. Während der Nachwirkung entsteht verminderte Empfindlichkeit. Ob in der anfänglichen direkten Wirkung die Tonkraft der Muskel vermindert und bei der Nachwirkung um desto mehr erhoben werde, läßt sich nicht genau behaupten, so viel aber ist gewiß, daß die Kontraktilität der Faser um eben so viel bei der Nachwirkung sich mindert, als sie bei der direkten Wirkung erhöhet war.

Dieß als wahr angenommen, erzeugt er einen, den hysterischen und hypochondrischen Paroxysmen ziemlich ähnlichen Anfall und es erhellet, warum er gegen diese Uebel so oft hülfreich gewesen.

Die Neigung, in anfänglicher direkter Wirkung die Zusammenziehbarkeit der Muskeln und Zuckungen zu erregen und endlich in der Nachwirkung die Zusammenziehbarkeit der Muskeln möglichst zu mindern, zeigt eine so große Aehnlichkeit mit der Fallsucht, daß man schon hieraus vermuthen könnte, er müsse dergleichen heilen, wenns nicht schon die Erfahrung zeigte.

Da er, ausser Schwindel, Angst und Fieberschauder, eine Art Delirium, welches in lebhaften, zuweilen schreckhaften Visionen besteht und eine Spannung im Magen erregt, so bezwang er einstmahls schnell ein Fieber bei einem arbeitsamen, nachdenklichen Handwerksmann auf dem Lande, welches mit einer Spannung im Magen begann, wozu plötzlich ein zum Fallen nöthigender Schwindel kam, der eine Art von Verstandesverwirrung mit schreckhaften, hypochondrischen Vorstellungen, Aengstlichkeit und Ermattung hinterließ. Vormittags war er ziemlich munter und nicht matt, nur Nachmittags gegen zwei Uhr begann der Anfall. Er bekam die Krähenaugen in steigenden Gaben, täglich eine; er besserte sich. Bei der vierten Gabe, welche 17 Gran enthielt, entstand eine große Angst und Unbeweglichkeit und Steifigkeit aller Glieder, die sich durch einen nachfolgenden reichlichen Schweiß endigte. Das Fieber und alle Nervenzufälle waren nun verschwunden und kamen nie wieder, ungeachtet er vorher viele Jahre von Zeit zu Zeit mit solchen plözlich entstehenden Paroxysmen, auch ohne Fieber befallen gewesen war.

Seine Neigung, Krämpfe des Unterleibes und Angst und Magenschmerz zu erregen, nutzte ich bei einem dysenterischen Fieber (ohne Ruhr) bei Hausgenossen von Ruhrkranken. Er minderte hier die Unbehaglichkeit in allen Gliedern, die Verdrieslichkeit, die Aengstlichkeit und das Magendrücken wirksam; dieß that er auch bei Ruhrkranken, aber da sie eine blos einfache Ruhr und keinen Durchfall hatten, so machte er die Stühle, wegen seiner dauerhaften Neigung, Konstipation zu bewirken, noch seltner. Die Zeichen von verdorbner Galle häuften sich und die ruhrartigen, obgleich seltnern Exkretionen, waren mit eben so anhaltendem Stuhlzwang verbunden, wie vorher, und von gleicher übeln Beschaffenheit. Der verlorne oder üble Geschmack blieb. Seine Neigung, die peristaltische Bewegung zu mindern, wird daher in der wahren, einfachen Ruhr nachtheilig. In Durchfällen, auch ruhrartigen, wird er wohl dienlicher seyn, wenigstens als Palliativmittel. Bei ihrer Anwendung sahe ich zuckende Bewegungen unter der Haut, wie von einem lebendigen Thiere erregt, an den Gliedmasen, vorzüglich in den Bauchmuskeln entstehen.

Von der Ignatiusbohne oder dem Saamen des Bitterignatz (lgnatia amara) hat man mehrstündiges Zittern, Zuckungen, Krämpfe, Aengstlichkeit, sardonisches Lachen, Schwindel, kalten Schweiß bemerkt. ln ähnlichen Fällen wird er sich hülfreich erweisen, wie auch schon die Erfahrung zum Theil gelehrt hat. Sie erregt Fieberkälte und (in der Nachwirkung?) Gliedersteifigkeit und hat daher Wechselfieber durch ähnliche Wirkung bezwungen, die der Rinde nicht weichen wollten, vermuthlich jene minder einfachen Wechselfieber, wo Ueberempfindlichkeit und erhöhete Reitzbarkeit (vorzüglich der ersten Wege?) die Komplikation ausmachten. Doch wären die übrigen Symptomen, die sie erregt, vorher noch genauer zu beobachten, um sie gerade in Fällen anzuwenden, worauf sie mit ihren ähnlichen Aeusserungen passet.

Der Purpurfingerhut (Digitalis purpurea) macht Ekel von der widrigsten Art; bei seinem anhaltenden Gebrauche erscheint daher nicht selten eine wahre Freßgierde. Er bringt eine Art Geistesverstimmung hervor, die nicht leicht zu erkennen ist, da sie sich nicht durch unvernünftige Worte äussert, eine Art von Widerspenstigkeit, Hartnäckigkeit, hinterlistige Unfolgsamkeit, Trieb zu entfliehen u. s. w., welche seinen fortgesetzten Gebrauch oft hindert. Da er nun überdieß heftige Kopfschmerzen, Schwindel, Magenweh, große Verminderung der Lebenskraft, Gefühl von Auflösung und nahen Tode, um die Hälfte langsamern Puls, und Minderung der Lebenswärme in der direkten Wirkung erregt, so läßt sich begreifen, in welchen Arten von Wahnsinn er Dienste leisten kann; daß er auch schon in einigen Arten dieser Krankheit hülfreich gewesen, bezeugen mehrere Erfahrungen, nur daß man die genauen Zufälle desselben nicht angemerkt findet. In den Drüsen erzeugt er eine juckende und schmerzhafte Empfindung, welche seine Kraft in Drüsengeschwülsten belegen kann.

Er entzündet, wie ich sahe, die Meibomischen Drüsen, und wird solche Entzündungen gewiß heilen. Ueberhaupt scheint er, so wie den Blutlauf zu mindern, so das System der einsaugenden Gefäße zu erregen und am dienlichsten zu seyn, wo beide zu träge sind. Ersterem hülfe er dann durch ähnliche Wirkung ab, lezterm durch entgegengesetzte. Da aber die direkte Wirkung des Purpurfingerhuts so lange anhält, (man hat Beispiele von fünf und sechs Tagen) so kann er auch als entgegengesetzt wirkendes Mittel die Stelle eines dauerhaften Heilmittels vertreten. Die leztere Betrachtung ist auf seine harntreibende Kraft in der Wassersucht anzuwenden; sie ist gegenseitig und palliativ, aber doch anhaltend, und blos deshalb von Werth.

In der Nachwirkung bringt er einen kleinen, harten, geschwinden Puls hervor, er paßt sich daher nicht wohl für Kranke, die einen ähnlichen (fieberhaften) Puls haben, vielmehr am besten für solche, die einen Puls haben, wie ihn der Purpurfingerhut bei seiner direkten Wirkung hervorbringt - langsam, schlaff. - Die Konvulsionen, die er in großen Gaben erregt, weisen ihm einen Platz unter den antepileptischen Mitteln an, vermuthlich aber ist er da nur unter gewissen Bedingungen hülfreich, die von der Aehnlichkeit der übrigen krankhaften Symptomen, die er erregt, bestimmt werden. Bei seinem Gebrauche erscheinen nicht selten die Gegenstände in fremden Farben, und das Gesicht wird dunkler; er wird ähnlichen Krankheiten der Netzhaut abhelfen.

(Seine der Heilung zuweilen widrige Eigenschaft, Durchlauf zu bewirken, wird durch zugesetzte Laugensalze, wie ich beobachtete, gehindert.)

Da die direkte Wirkung einige, zuweilen mehrere, (je länger der Gebrauch des Fingerhuts fortgesetzt wird, desto länger hält auf die jedesmahlige Gabe die direkte Wirkung an; welches ein sehr merkwürdiger, in der Heilung wohl zu achtender Umstand ist.) Tage anhält, so sieht man, wie unrecht diejenigen thun, welche ihn gutmeinend in kleinen Gaben, aber oft wiederhohlt, verordnen, und auf diese Art (da die Wirkung der ersten noch nicht verflossen ist, sie aber vielleicht schon die sechste und achte geben) in der That, obgleich unwissenderweise, eine ungeheure Portion eingeben, die nicht selten den Tod *)

*) Ein Weib in Edinburg bekam drei Tage lang täglich dreimahl, jedesmahl nur zwei Gran der gepülverten Blätter, und man wunderte sich, daß sie bei so kleinen Gaben nach einem sechstägigen Erbrechen starb. Man bedenke aber, daß es fast so gut war, als hätte sie achtzehn Gran auf eine Gabe bekommen.

nach sich gezogen hat. Man hat nur aller drei, höchstens aller zwei Tage eine Gabe nöthig, überhaupt aber eine desto seltnere, je anhaltender der Gebrauch wird.

(Während seiner direkten Wirkung darf keine Chinarinde verordnet werden; sie vermehrt die Aengstlichkeit vom Purpurfingerhute, wie ich bemerkte, bis zum Todeskampfe. )

Das Freisamveilchen (Viola tricolor) verstärkt Anfangs die Hautausschläge, und zeigt dadurch seine Hautausschlag erregende, folglich eben dergleichen wirksam und dauerhaft heilende Kraft an.

Die Ipekakuanhe wird mit Nutzen in Uebeln angewandt, wogegen die Natur selbst schon einige Anstrengung anwendet, aber zu unkräftig ist, den Zweck zu erreichen. Hier bietet die Brechwurzel den Nerven des obern Magenmundes, dem empfindlichsten Theile des Organs der Lebenskraft, einen ihr durchaus widerwärtigen, Ekel, Uebelkeit, Aengstlichkeit erzeugenden Stoff dar, welcher nur ähnlich wirkt, als die zu entfernende krankhafte Materie. Gegen diesen nun verdoppelten Widerstand strengt dann die Natur antogonistisch ihre Kräfte desto mehr an, und so wird durch diese erhöhete Gegenstrebung der krankhafte Stoff leichter entfernt. So werden Fieber zur Krisis gebracht, Stockungen der Eingeweide des Unterleibes, der Brust und der Bärmutter beweglich gemacht, Miasmen ansteckender Krankheiten auf die Haut getrieben, Krampf durch den Krampf, den die Brechwurzel bewirket, überstimmt, erschlafften, oder von einer auf sie abgelagerten Schärfe gereitzten, zu Blutausleerungen geneigten Gefäßen ihre Spannkraft, ihre Freiheit wieder gegeben u. s. w. Am sichtbarsten wirkt sie als ein der zu hebenden Krankheit ähnlich wirkendes Mittel bei chronischer Neigung zum Erbrechen ohne Materie. Da giebt man sie in sehr kleinen Gaben, um öftere Uebelkeit zu erregen, und die Neigung zum Erbrechen verschwindet bei jeder Gabe immer mehr und dauerhafter, als durch alle Palliativmittel.

Von der Herzklopfen, Angst und Ohnmacht hervorbringenden Eigenschaft des Unholdoleanders (Nerium oleander) läßt sich in einigen Arten chronischen Herzklopfens u. s. w. auch wohl in der Fallsucht etwas gutes erwarten. Er treibt den Unterleib auf, und mindert die Lebenswärme, und scheint eine der wirksamsten Pflanzen zu seyn.

Die krankhaften Symptomen, die der Konessioleander (Nerium antidysentericum) zuwege bringt, sind nicht bekannt genug, daß man aus Gründen seine wahre Arzneikraft erforschen könnte. Da er jedoch die Stuhlgänge anfangs vermehrt, so scheint er die Durchfälle als ähnlich wirkendes Mittel zu besiegen.

Die Sandbeerbärentraube (Arbutus Uvaursi) hat wirklich, ohne eine für die Sinne merkbare Schärfe zu verrathen, die Beschwerden beim Harnlassen, den unwillkührlichen Abgang des Urins, u. s. w. nicht selten durch eine ihr eigne, besondre Kraft vermehrt, zum Zeichen, daß sie selbst dergleichen zu erregen Neigung habe, und daher ähnliche Uebel, wie auch die Erfahrung lehrt, dauerhaft heben könne.

Der Schneerosegichtstrauch (Rhododendrum Chrysanthum) zeigt durch den brennenden, kriebelnden und stechenden Schmerz, den er in den angegriffenen Theilen erregt, daß er allerdings geeignet sey, Gliederschmerzen verschiedner Art, wie auch die Erfahrung lehrt, durch ähnliche Wirkung zu heben. Er bringt Beschwerlichkeit im Athemhohlen und Hautausschläge hervor und er wird deshalb in ähnlichen Uebeln Dienste leisten, sowie in Augenentzündungen, da er Thränen und Jucken der Augen erzeugt.

Der Sumpfporst (Ledum palustre) macht, nach meinen Erfahrungen, unter andern ein beschwerliches, schmerzhaftes Athemhohlen; dieß belegt die Hülfe, die er im Keuchhusten leistet, vermuthlich auch in der krampfhaften Engbrüstigkeit. Sollte er nicht im entzündungsartigen Seitenstiche hülfreich seyn, da seine Kraft, die Blutwärme (in der Nachwirkung?) so mächtig zu mindern, die Genesung beschleunigt. Er bewirkt eine schmerzhaft stechende Empfindung in allen Theilen des Halses, wie ich wahrgenommen habe, und daher seine ungemeine Tugend in der bösartigen und entzündlichen Bräune. Eben so spezifisch ist, wie ich sahe, seine Eigenschaft, beschwerliches Jucken in der Haut zu erregen, und eben daher seine große Kraft in den langwierigsten Hautübeln.

Die Aengstlichkeit und die Ohnmachten, die er hervorbringt, könnten in ähnlichen Fällen Dienste leisten. Er kann als transitorisch und entgegen gesetzt wirkendes, stark Harn treibendes Mittel, und da er zugleich Schweiß erregt, wohl Wassergeschwülste heilen, aber gewisser schnelle, als chronische.

Auf einige dieser Eigenschaften gründet sich sein etwaniger Ruf in der Ruhr. Aber ist es wahre Ruhr gewesen, oder waren es, so oft damit verwechselte, schmerzhafte Durchfälle? In leztern kann er als Palliativ wohl die Kur beschleunigen, auch wohl vollenden helfen; aber in der wahren einfachen Ruhr habe ich keine Dienste von ihm gesehn. Die lang anhaltende Schwäche, die er erzeugt, war dem fortgesetzten Gebrauche hinderlich und er verbesserte weder den Stuhlzwang, noch die Beschaffenheit der Exkretionen, obgleich leztere seltner wurden. Die Zeichen der verderbten Galle waren bei seinem Gebrauche eher häufiger, als wenn die Kranken ohne Arznei gelassen wurden. Er erregt eine besondre Verdrieslichkeit, Kopfweh und Umneblung des Geistes; die untern Gliedmasen schwanken; der Augenstern erweitert sich. (Sind beide leztern Zufälle, oder doch lezterer allein blos in der Nachwirkung?). Zehn Gran im Aufgusse war eine hinlängliche Gabe für ein sechsjähriges Kind, täglich einmahl.

Des Mohnsaftes (Papaver somniferum) anfängliche direckte Wirkung besteht in (vorübergehender) Erhebung der Lebenskräfte und Verstärkung des Tons der Blutgefäße und der Muskeln, vorzüglich derer, die zu den thierischen und Lebensverrichtungen gehören, so wie in Aufregung der Seelenorgane, des Gedächtnisses, der Phantasie, und des Organs der Leidenschaften, wodurch bei mäsigen Gaben Aufgelegtheit zu Geschäften, Lebhaftigkeit in Reden, Witz, Rückerinnerung an vergangene Zeiten, Verliebtheit, u. s. w., bei größern aber Kühnheit, Tapferkeit, Rache, ausgelassene Lustigkeit, Geilheit, bei noch größern, Raserei, Zuckungen erfolgen. Bei allen diesen Zuständen leidet die Selbstständigkeit, Freiheit und Willkühr des Geistes im Empfinden, Urtheilen und Handeln immer mehr, je größer die Gabe war. Daher Unbemerklichkeit äusserer Unannehmlichkeiten, der Schmerzen, u. s. w. Dieser Zustand dauert aber nicht lange. Es erfolgt allmählig Ideenmangel, die Bilder verlöschen nach und nach, es entsteht Erschlaffung der Fiber, Schlaf. Wird der Gebrauch unter erhöheten Gaben fortgesetzt, so sind die Folgen (der indirekten Nachwirkung) Schwäche, Schläfrigkeit, Trägheit, mürrische Unbehaglichkeit, Traurigkeit, Unbesinnlichkeit, (Gefühllosigkeit, Blödsinnigkeit) bis eine neue Aufreitzung durch Mohnsaft, oder ähnliche Dinge zuwege gebracht wird. Bei der direkten Wirkung scheint sich die Reitzbarkeit der Faser in eben dem Grade zu mindern, als der Ton steigt; bei der Nachwirkung mindert sich lezterer, indeß erstere steigt. *)

*) Es erscheint eine merkliche Empfindsamkeit vorzüglich für unangenehm afficirende Gegenstände, für Schreck, Gram, Furcht, für rauhe Luft u. s. w. Will man die hier entstehende leichtere Beweglichkeit der Faser erhöhete Reitzbarkeit nennen, so habe ich nichts dawider, aber ihr Spielraum ist nur klein, es sei nun, daß sie allzu sehr erschlafft sei und sich nicht beträchtlich verkürzen könne, oder daß sie sich in einem mehr als nöthig verkürzten Zustande befindet, und zwar leicht, aber unhinlänglich erschlafft, folglich keiner kraftvollen, großen That fähig sei. Bei dieser Disposition der Faser ist eine Neigung zu chronischen Entzündungen nicht zu verkennen.

Die direkte Wirkung erlaubt weniger als die Nachwirkung dem Geiste die Freiheit, unbefangen (Schmerz, Verdruß, u. s. w.) zu empfinden, daher seine große Schmerz stillende Kraft.

(In Fällen, wo blos die direkte Wirkung als Kardiakum, nöthig ist, wird die öftere Wiederhohlung des Gebrauchs, aller drei, vier Stunden erforderlich, das ist, ehe jedesmahl die erschlaffende, Reitzbarkeit erhöhende Nachwirkung erfolgt. In allen diesen Fällen wirkt er blos entgegen gesetzt, als Palliativmittel. Dauerhafte Stärkung kann man von ihm allein und auf diese Weise gebraucht, nie erwarten, am wenigsten in chronischer Schwäche. Doch dieß ist hier nicht unser Zweck.)

Will man aber den Ton (Ton der Faser nenne ich die Kraft derselben, sich völlig zu verkürzen, und völlig zu erschlaffen) der Fiber dauerhaft herabstimmen, die allzu geringe Reitzbarkeit dauerhaft vermehren, und die immer rege Wachsamkeit der Phantasie (bei großem Pulse) dauerhaft vermindern, wie in einigen Fällen von Manie der Fall ist, da braucht man den Mohnsaft mit Erfolg als ähnlich wirkendes Mittel in erhöheten Gaben fortgesetzt, und nuzt so die indirekte Nachwirkung. Eben nach diesem Grundsatze ist das Verfahren zu beurtheilen, da man den Mohnsaft gegen ächt inflammatorische Krankheiten, z. B. den Seitenstich, zu brauchen versucht hat.

In erwähnten Fällen ist etwa aller 12 bis 24 Stunden eine Gabe nöthig.

Doch diese indirekte Nachwirkung scheint man sogar als ähnlich wirkendes Heilmittel angewendet zu haben; ein Fall, der mir von keiner andern Arznei bekannt ist. Man hat nämlich den Mohnsaft mit dem größten Erfolge (nicht gegen ächt venerische Krankheiten, denn dieß war Täuschung, sondern) gegen die vom Quecksilbergebrauche und Misbrauche in venerischen Krankheiten so häufig entstehenden nachtheiligen Zufälle angewendet, die oft weit schlimmer als die Lustseuche selbst sind.

Ehe ich diese Anwendung des Mohnsaftes erkläre, muß ich vorher etwas hieher Gehörendes über die Natur der Lustseuche erinnern, und was ich überhaupt hier vom Quecksilber zu sagen habe, einschalten.

Die Lustseuche hat ein Gift zum Grunde, welches, ausser andern Eigenheiten, die es im menschlichen Körper äussert, vorzügliche Neigung hat, sich entzündende und eiternde Geschwülste der Drüsen hervorzubringen, (den Ton zu schwächen?) den mechanischen Zusammenhang der Faser zur Trennung so geneigt zu machen, daß eine Menge um sich fressende Geschwüre entstehen, deren unheilbare Natur sich durch ihre runde Gestalt zu erkennen giebt, und endlich die Reitzbarkeit zu erhöhen. Da eine so sehr chronische Krankheit nur durch ein Mittel gehoben werden konnte, welches eine der Lustseuche sehr ähnliche Krankheit hervorbringt, so konnte auch keine hülfreichere Arznei dagegen ersonnen werden, als das Quecksilber.

Des Quecksilbers vorzüglichste Kraft in Veränderung des menschlichen Körpers besteht darinn, daß es das Drüsensystem in direkter Wirkung reitzt (und Drüsenverhärtungen zur indirekten Nachwirkung hinterläßt) den Ton der Faser und ihren Zusammenhang dergestalt schwächt, und zur Trennung geneigt macht, daß eine Menge um sich fressende Geschwüre entstehen, deren unheilbare Natur sich durch die runde Gestalt zu erkennen giebt und endlich die Reizbarkeit (und Empfindlichkeit) ungemein erhöhet. Die Erfahrung hat dieß Spezifikum gekrönt. Da es aber kein so ähnlich wirkendes Heilmittel giebt, als die zu heilende Krankheit selbst ist, so ist auch die Quecksilberkrankheit (ihre im Körper erzeugten gewöhnlichen Veränderungen und Symptomen) von der Natur der Lustseuche doch noch sehr verschieden. Die Geschwüre der Lustseuche bleiben nur in den oberflächlichsten Theilen, vorzüglich die deuteropathischen, (die protopathischen nehmen sehr langsam an Umfang zu) sie geben einen klebrichten Saft statt des Eiters von sich, ihre Ränder sind mit der Haut fast ganz eben (die protopathischen ausgenommen) und sind fast ganz schmerzlos (blos die protopathischen, das von der anfänglichen Ansteckung entstandne Geschwür, den Schanker und die eiternde Leistendrüse, den Bubo ausgenommen). Die Geschwüre des Quecksilbers fressen tiefer (nehmen geschwind an Größe zu) sind äusserst schmerzhaft, und geben theils eine scharfe dünne Jauche von sich, theils sind sie mit einem unreinen käsichten Ueberzuge bedeckt, legen auch die Ränder über. Die Drüsengeschwülste der venerischen Krankheit bleiben wenige Tage; sie verschwinden entweder bald, oder die Drüse eitert. Die vom Quecksilber angegriffenen Drüsen werden in der direkten Wirkung dieses Metalls zur Thätigkeit angereitzt (und so verschwinden von andern Ursachen erzeugte Drüsengeschwülste davon) oder sie werden während der indirekten Nachwirkung in einer kalten Verhärtung zurückgelassen. Das venerische Gift verhärtet die Beinhaut der erhabensten, von Fleisch entblösetsten Stellen der Knochen; es entstehen peinliche Schmerzen darinn. Beinfraß aber bringt dieß Gift in unsern Zeiten nie hervor, so viel Nachforschungen ich auch angestellt habe, das Gegentheil zu erfahren. Quecksilber löset den Zusammenhang der festen Theile auf, nicht nur der weichen, sondern auch der Knochen; es frißt die löcherichsten und verdecktesten Knochen zuerst an, und dieser Beinfraß verschlimmert sich durch fernern Gebrauch dieses Metalls nur desto geschwinder. Die von äussern Verletzungen entstandnen Wunden werden während der Quecksilberkrankheit zu alten schwerheilbaren Geschwüren, ein Umstand, den man bei der Lustseuche nicht antrifft. Das in der Quecksilberkrankheit bemerkliche Zittern findet sich bei der Lustseuche nicht. Vom Quecksilber entsteht ein schleichendes, sehr entkräftendes Fieber mit Durst und großer schneller Abmagerung. Die Abmagerung von der Lustseuche und die Entkräftung geschieht nur sehr allmählig und bleibt in mäsigen Schranken. Die Ueberempfindlichkeit bei der Quecksilberkrankheit und die Schlaflosigkeit ist diesem Metalle, nicht der Lustseuche eigen. Die meisten dieser Symptomen scheinen mehr indirekte Nachwirkung als direkte Wirkung des Quecksilbers zu seyn.

Ich bin hier so umständlich gewesen, weil es den Praktikern oft so schwer fällt *),

*) Stoll selbst (Rat. med, P. III. S. 442.) zweifelt, ob man gewisse Zeichen einer vollkommen überwundnen Venusseuche habe, d. i. ihm selbst waren die Zeichen nicht bekannt, wodurch sich diese Krankheit von der Quecksilberkrankheit unterscheidet.

die chronische Quecksilberkrankheit von den Zufällen der Lustseuche zu unterscheiden, und so Symptomen, die sie für venerisch halten und doch blos merkurialisch sind, zum Verderben so vieler Kranken mit fortgesetztem Quecksilbergebrauche bestreiten, vorzüglich aber deshalb, weil es mir hier darum zu thun ist, die Quecksilberkrankheit zu schildern, um zu zeigen, wiefern der Mohnsaft als ähnlich wirkendes Mittel dieselbe heilen könne.

Mohnsaft erhebt, wenn er in gerader Wirkung geleitet, das ist, wenigstens aller acht Stunden gegeben wird, als entgegengesetzt wirkendes Mittel die sinkenden Kräfte der Quecksilberkranken und stillt die Reitzbarkeit. Dieß geschieht aber nur in großen, der Größe, der Schwäche und der Reitzbarkeit angemessenen Gaben, so wie er bei großer Reitzbarkeit der hysterischen und hypochondrischen Personen und bei der Ueberempfindlichkeit erschöpfter Personen nur in großen, oft wiederhohlten Gaben hülfreich ist.

Indeß scheint die Körpernatur wieder in ihre Rechte einzutreten; es entsteht eine geheime Umbildung der Körperbeschaffenheit und die Quecksilberkrankheit wird allmählig bezwungen. Die sich erhohlenden Kranken vertragen nun eine immer geringere, und geringere Gabe. So scheint zwar durch die palliative, entgegengesetzte Kraft des Mohnsaftes die Quecksilberkrankheit bezwungen zu werden; aber wer die fast unbezwingliche Natur der die thierische Maschine unaufhaltbar zerstörenden und auflösenden Quecksilberkrankheit, wenn sie in ihrem hohen Grade ist, kennt, wird inne werden, daß ein bloses Palliativ dieses äusserst chronische Uebel nicht überwältigen würde, wären nicht die Nachwirkungen des Mohnsaftes der Quecksilberkrankheit sehr parallel und hülfen diese nicht, das Uebel besiegen. Die Nachwirkungen des in großen Gaben fortgesetzten Gebrauchs des Mohnsaftes, erhöhete Reitzbarkeit, Schwäche der Tonkraft, leichte Trennbarkeit der festen Theile und schwere Heilbarkeit der Wunden, Zittern, Abmagerung des Körpers, schläfrige Schlaflosigkeit sind den Symptomen der Quecksilberkrankheit sehr ähnlich, und nur darinn unterscheiden sie sich, daß die des Quecksilbers, wenn sie stark sind, Jahre lang, oft bis zum Tode anhalten, die des Mohnsaftes aber nur Stunden, oder Tage. Der Mohnsaft müßte sehr lange Zeit und in übermäsig großen Gaben gebraucht worden seyn, wenn die Symptomen seiner Nachwirkung Wochenlang oder etwas länger fortdauern sollten. Diese abgekürzte, in eine nicht lange Zeit eingeschränkte Dauer der Mohnsaftnachwirkungen wird auf diese Art das wahre Gegengift der zur fast unbegränzten Fortdauer geneigten Quecksilbernachwirkungen in ihrem hohen Grade; fast nur von ihnen kann man die anhaltende, wahre Wiederherstellung erwarten. Diese Nachwirkungen können während der ganzen Kur ihre Heilkraft vollführen, in der Zeit zwischen der Wiederhohlung der Mohnsaftgaben, so bald die erste direkte Wirkung jeder Dosis vorüber ist, und wenn man mit dem Gebrauche aufhört.

Das Blei erregt bei seiner anfänglichen Wirkung in den entblößt liegenden (zur Muskelbewegung gehörigen?) Nerven einen heftigen, reissenden Schmerz und erschlafft die Muskelfaser (hiedurch?) bis zur Lähmung; sie wird blaß und welk, wie Zergliederung zeigt, doch mit übrig bleibender obwohl geringerer, äusserer Empfindung. Nicht nur die Fähigkeit sich zu verkürzen mindert sich bei der angegriffenen Faser, sondern auch die noch mögliche Bewegung ist schwieriger, als bei ähnlichen Erschlaffungen, durch fast völligen Verlust der Reitzbarkeit. *)

*) Das bei sehr großer Menge verschluckten Bleis zuweilen erfolgende konvulsivische Erbrechen, und der ruhrartige Durchlauf, muß nach andern Grundsätzen erklärt werden und gehört eben so wenig hieher, als die Brechen erregende Eigenschaft des in zu großer Menge genommenen Mohnsaftes,

Dieß bemerkt man jedoch nur bei der zu den natürlichen und thierischen Verrichtungen gehörigen Muskeln, bei den zu den Lebensverrichtungen gehörigen aber geht diese Wirkung ohne Schmerz und in minderm Grade vor sich. Da hier das wechselseitige Spiel des Systems der Blutgefäße langsamer wird (ein harter, seltner Puls) so wird die Ursache der vom Blei verminderten Blutwärme hiedurch einleuchtend.

Quecksilber mindert zwar ebenfalls die Attraktion der Theile der Muskelfaser unter einander sehr wirksam, erhöhet aber ihre Empfänglichkeit für den Reitzbarkeitsstoff bis zur Leichtbeweglichkeit. Diese Wirkung sei nun direkt oder es sei indirekte Nachwirkung, genug sie ist sehr dauernd und daher auch in lezterer Eigenschaft als entgegengesetzt handelnde Arznei von wirksamen Folgen gegen die Bleikrankheit; in ersterer Eigenschaft aber wirkt es ähnlich handelnd. Aeusserlich eingerieben, so wie innerlich gegeben, hat das Quecksilber eine fast spezifische Kraft gegen die Bleiübel, Mohnsaft vermehrt in seiner geraden Wirkung die Verkürzung der Muskelfaser, und mindert die Reitzbarkeit. Vermöge ersterer Eigenschaft wirkt er palliativ gegen die Bleikrankheit, vermöge lezterer aber dauerhaft als ähnlich wirkendes Mittel.

Aus obigem Begriffe von der Natur der Bleiübel wird man einsehn, daß die Hülfe, die dieses behutsam zu gebrauchende Metall (Blei) in Krankheiten geleistet hat, blos auf einer entgegengesetzten (nicht hieher gehörenden) obgleich ungemein anhaltenden Wirkung beruht.

Die wahre Natur der Wirkung des Arseniks ist noch nicht genau untersucht. So viel habe ich selbst erfahren, daß er sehr geneigt ist, jenen Krampf in den Blutgefäßen und die Erschütterung in den Nerven zu erregen, die man Fieberschauder nennt. Braucht man ihn in etwas starker Gabe (zu 1/3, 1/5 Gran) für einen Erwachsenen, dann wird dieser Schauder sehr merklich. Diese Neigung macht ihn zu einem sehr kräftigen Mittel als ähnlich wirkende Arznei gegen Wechselfieber und zwar um desto mehr, da er die von mir bemerkte Kraft besitzt, einen täglich wiederkehrenden, obgleich immer schwächeren Paroxysm zu erregen, wenn man auch mit seinem Gebrauche inne hält. In typischen Krankheiten aller Art (im periodischen Kopfweh, u. s. w.) wird diese Typus erzeugende Eigenschaft des Arseniks in kleinen Gaben (1/10 bis höchstens 1/6 Gran in Auflösung) schätzbar und wird unsern vielleicht noch kühnern, noch aufmerksamern, und noch behutsamern Nachkommen, wie mir ahndet, unschätzbar werden. *)

*) Ich muß, mit aller Achtung gegen den Hrn. Verfasser, hier das Bekenntniß ablegen, daß ich mich zu dem innerlichen Gebrauch des Arseniks, besonders in Wechselfiebern, noch nicht verstehen kann.
Meine Gründe werde ich nächstens mittheilen.         d. H.

— (Da seine Wirksamkeit auf mehrere Tage geht, so sammeln sich öftere, obgleich noch so kleine Gaben zu einer ungeheuren, gefährlichen Gabe im Körper an. Findet man daher nöthig, täglich einmahl ihn zu verordnen, so müssen alle folgenden Gaben immer wenigstens ein Drittel kleiner seyn, als die vorhergehende. Aber besser thut man, wenn man kurze Typen, etwa von zwei Tagen Zwischenzeit zu bestreiten hat, immer nur für einen Paroxysm eine Gabe zu verordnen, zwei Stunden vorher, und den folgenden Anfall überzuschlagen und nichts vom Arsenik dafür zu geben; nur erst etwa zwei Stunden vor dem dritten Anfalle. Am besten thut man, dieß selbst gegen viertägige Fieber so zu machen, und nur erst gegen die Reihe der zwischen liegenden Paroxysmen zu verfahren, wenn man bei der erstern Reihe von Anfällen schon seine Absicht glücklich erreicht hat. (Bei längern Typen, z. B. sieben, neun, eilf und vierzehntägigen kann man vor jedem Anfalle Eine Gabe verordnen.) — Der fortgesetzte, in größern Gaben gebrauchte Arsenik bewirkt allmählig einen fast immer anhaltenden Fieberzustand; er wird sich hiedurch, wie auch schon zum Theil die Erfahrung gelehrt hat, in hektischen und remittirenden Fiebern, als ähnlich wirkendes Mittel hülfreich erzeugen, in kleinen Gaben (etwa zu 1/12 Gran). Eine solche fortgesetzte Anwendung des Arseniks aber wird immer ein Meisterstück der Kunst bleiben, da er eine große Neigung besitzt, die Lebenswärme und den Ton der Muskelfaser zu mindern. (Daher die Lähmungen von seinem starken oder sonst langwierig unbehutsamen Gebrauche.) (Diese leztern Eigenschaften würden ihn als entgegen gesetzt wirkendes Mittel in reinen Entzündungskrankheiten hülfreich machen). Den Ton der Muskelfaser mindert er, indem er das Verhältniß der gerinnbaren Lymphe im Blute und ihren Zusammenhang mindert, wie ich mich durch Aderlässe arsenikkranker Personen überzeugt habe, und zwar solcher, die vor dem Gebrauche dieser Metallsäure ein allzudichtes Blut hatten. Doch nicht nur die Lebenswärme, und den Ton der Muskelfaser verringert er, sondern sogar, wie ich mich überzeugt zu haben glaube, die Empfindlichkeit der Nerven. (So macht er Rasenden mit straffer Fiber und allzu substantiösen Blute schon in einer einzigen kleinen Gabe ruhigen Schlaf, wo alle andre Mittel fehlschlagen, als entgegengesetzt wirkendes Mittel. Mit Arsenik vergiftete Personen sind ruhiger über ihre Lage, als man erwarten sollte — so wie er überhaupt mehr durch Auslöschung der Lebenskraft und der Empfindung zu töden scheint, als durch die etwanige doch nur örtlich und in kleinem Umfange fressende, entzündende Eigenschaft. Nimmt man diesen Satz zum Grunde, so wird die schnelle Auflösung der an Arsenik verblichener Leichname, wie derer an Brande Gestorbenen, begreiflich.) — Er schwächt das absorbirende System, ein Umstand, aus welchem vielleicht dereinst eine eigne Heilkraft zu entlehnen wäre, (als ähnlich wirkendes oder als entgegengesetzt wirkendes Mittel?) der aber bei seinem anhaltenden Gebrauche immer mehr und mehr Zurückhaltung einflößen muß. — Eben dieß muß ich über seine besondre Kraft erinnern, die Reitzbarkeit der Faser, vorzüglich des Systems der Lebensverrichtungen zu erhöhen, daher Husten, und eben daher die gedachten chronisch fieberhaften Bewegungen.

Es ist selten, wenn der Arsenik in etwas größern Gaben und anhaltend gebraucht wird, daß er nicht, vorzüglich wenn schweißtreibende Mittel und eine erhitzende Lebensordnung gebraucht wird, eine Art etwas langwierigen Hautausschlags (wenigstens Hautabschuppung) erregen sollte. Diese Neigung macht ihn hülfreich bei den Aerzten der Hindoos gegen das fürchterliche Hautübel, die Elephantiasis. Ob auch in der Pellagra? — Sollte er wirklich (wie man sagt) in der Wasserscheu Dienste leisten, so würde er vermöge seiner Eigenschaft (den Einfluß der Nervenkraft auf) die Attraktion der Theile der Muskelfaser, und den Ton derselben, so wie die Empfindung der Nerven zu mindern, das ist, durch entgegengesetzte Kraft wirken. — Er erregt empfindliche anhaltende Gelenkschmerzen, wie ich sahe. Ich will nicht entscheiden, wie man sich dieser Eigenschaft als eines Heilmittels bedienen könnte.

Was die Arsenikkrankheit, die Bleikrankheit und die Quecksilberkrankheit auf einander für Einfluß haben, und wie eine durch die andre gehoben werden könne, wird die Zukunft genauer entscheiden.

Sollten die Zufälle vom langwierigen Gebrauch des Arseniks drohend werden, so wird (ausser der Anwendung der Schwefelleberluft in Getränken und Bädern, um das noch in Substanz gegenwärtige Metall zu tilgen) der freie Gebrauch des Mohnsafts auf die Art, wie gegen die Quecksilberkrankheit (siehe oben) hülfreich seyn.

Ich gehe wieder zu den Gewächsen über und zwar zu einer Pflanze, die an heftiger und anhaltender Wirkung den mineralischen Giften an die Seite gesetzt zu werden verdient, ich meine den Beereibenbaum (Taxus baccata). Die von ihm genommenen Theile, vorzüglich die Rinde des schon geblüheten Baumes muß Behutsamkeit bei ihrem Gebrauche einflößen; die zuweilen erst mehrere Wochen nach der lezten Gabe erfolgenden Hautausschläge oft mit Zeichen brandiger Auflösung der Faser, der zuweilen plötzlich, zuweilen erst mehrere Wochen nach der lezten Gabe unter brandigen Zufällen erfolgende Tod, u. s. w. lehren dieß. — Sie erregt, wie es scheint, eine gewisse Schärfe in allen flüssigen Theilen, und eine Verdichtung der Lymphe, die Gefäße und Fasern werden gereizt, und doch ihre Verrichtung eher erschwert, als erleichtert. Die kleinen, mit Stuhlzwang begleiteten Leibesöffnungen, die Harnstrenge, der zähe, salzige, brennende Speichel, die zähen stinkenden Schweiße, der Husten, die fliegenden empfindlichen Schmerzen in den Gliedern nach dem Schweiße, das Podagra, der entzündsartige Rothlauf, die Hautpusteln, das Jucken der Haut und die Röthe da, wo die Drüsen darunter liegen, die künstliche Gelbsucht, die Schauder, das anhaltende Fieber u. s. w., die sie zuwege bringt, sind Zeugen hievon. Doch sind die Beobachtungen noch nicht genau genug, daß man unterscheiden könnte, welches die erste gerade Wirkung, welches die Nachwirkung sei. Die direckte Wirkung scheint ziemlich lang anzuhalten. Ein schlaffer, reitzloser, von Lebenskraft zum Theil beraubter Zustand der Faser und der Gefäße, vorzüglich derer, die zum absorbirenden System gehören, scheint die Nachwirkung zu seyn. Daher die Schweiße, der Speichelfluß, der wässerige häufige Harn, die Blutflüsse (eine Auflösung des rothen Blutkuchens) und nach großen Gaben, oder allzu lang fortgesetztem Gebrauche, die Wassersucht, die hartnäckige Gelbsucht, die Petechien, die brandige Auflösung der Säfte. In behutsamen, allmählig erhöheten Gaben gebraucht, mag sie wohl, wie auch schon zum Theil die Erfahrung gelehrt hat, in einer ähnlichen Verderbniß der Säfte und in einem ähnlichen Zustande der festen Theile, mit einem Worte, in ähnlichen krankhaften Beschwerden, als dieß Gewächs erzeugt, mit bleibenden Nutzen angewendet werden können: In der Verhärtung der Leber, Gelbsucht und Drüsengeschwülsten bei straffer Fiber, in langwierigen Katarrhen, Blasenkatarrh (der Ruhr, der Harnstrenge, Geschwülsten, mit straffer Faser verbunden?) in der Amennorrhöe von straffer Faser. (Ihrer langdauernden direkten Wirkung wegen, mag sie wohl als entgegengesetzt wirkendes Mittel zuweilen bleibende Dienste leisten, in der Rachitis, der Amenorrhöe bei Schlaffheit, u. s. w. Doch dieß gehört nicht hieher).

Ansicht des Photos in GroßformatDer Napellsturmhut (Aconitum Napellus) erregt kriebelnde, auch empfindlich reissende Schmerzen in den Gliedmasen, in der Brust, in den Kinnbacken; er ist ein Hauptmittel in Gliederschmerzen aller Art, er wird in chronischen Zahnschmerzen rheumatischer Art, in dem falschen Seitenstiche, dem Gesichtsschmerze und den Folgen von Einpflanzung menschlicher Zähne hülfreich seyn. Er erregt kältenden Magendruck, Hinterkopfschmerzen, Stechen in den Nieren, äusserst schmerzhafte Augenentzündung, schneidende Schmerzen in der Zunge; der praktische Arzt wird diese künstlichen Krankheiten in ähnlichen natürlichen anzuwenden wissen. — Hauptsächlich ist er geartet, Schwindel, Ohnmachten, Schwächen, Schlagflüsse, und transitorische Lähmungen, allgemeine und Partiallähmungen, Hemiplegie, Lähmungen einzelner Gliedmasen, der Zunge, des Afters, der Blase, Verdunkelung des Gesichts und temporelle Blindheit, Ohrenklingen zu erregen und eben so hülfreich ist er in allgemeinen und Partiallähmungen der genannten Theile, wie die Erfahrung schon zum größten Theile bewiesen hat — er hat als ähnlich wirkendes Mittel Harnunaufhaltsamkeit, Zungenlähmung und schwarzen Staar schon in mehrern Fällen besiegt, so wie Lähmungen der Gliedmasen. In heilbaren Marasmen und Partialatrophien wird er, als ähnliche Krankheitszufälle erzeugendes Mittel, gewiß mehr wirken, als alle übrigen bekannten Heilmittel. Auch hat man schon glückliche Fälle dieser Art. — Fast eben so spezifisch erzeugt er Konvulsionen, allgemeine sowohl als partielle, der Gesichtsmuskeln, einseitiger Lippenmuskeln, einseitiger Halsmuskeln, der Augenmuskeln; in allen diesen leztern wird er sich wirksam erweisen, so wie er auch schon Fallsuchten geheilt hat. — Er erregt Engbrüstigkeit; wie wollte man sich wundern, daß er mehrmahls verschiedne Engbrüstigkeiten gehoben hat? — Er erregt Jucken, Kriebeln in der Haut, Abschuppung, röthlichen Ausschlag und ist deshalb in schlimmen Hautübeln und Geschwüren so hülfreich. Seine angebliche Wirksamkeit gegen die hartnäckigsten venerischen Beschwerden war wohl nur gegen die Symptomen des dagegen gebrauchten Quecksilbers gerichtet, wie die Umstände darthun. Indeß ist es schätzbar zu wissen, daß der Napellsturmhut als ein Schmerzen, Hautübel, Geschwülste, und Reitzbarkeit erregendes, mit einem Worte, als ähnliches Mittel die ähnliche Quecksilberkrankheit sehr mächtig besiegt, und den Vorzug vor Mohnsaft besitzt, keine anhaltende Schwächung zu hinterlassen. — Zuweilen bringt er die Empfindung um den Nabel hervor, als wenn von da eine Kugel in die Höhe stiege und im obern und hintern Theile des Kopfs eine Kälte verbreitete; dieß giebt Anleitung, ihn in ähnlichen Fällen von Hysterie zu versuchen. In der Nachwirkung scheint die anfängliche Kälte im Kopfe in eine brennende Empfindung überzugehn. — Man bemerkt in der anfänglichen Wirkung allgemeine Kälte, langsamen Puls, Harnverhaltung, Manie — in der nachgehenden aber einen aussetzenden, kleinen, geschwinden Puls, allgemeinen Schweiß, Harnfluß, Durchlauf, unwillkührlichen Stuhlabgang, Schlaftrunkenheit. — (Wie mehrere in ihrer direkten Wirkung kältende Pflanzen, löset er Drüsengeschwülste auf). — Die Manie, die er erzeugt, ist ein mit Verzweiflung abwechselnder Frohsinn; er wird als ähnlich wirkendes Mittel Manien dieser Art besiegen können. — Die gewöhnliche Dauer seiner Wirksamkeit ist sieben bis acht Stunden — schwierige Fälle von allzu großen Gaben ausgenommen.

Die Schwarzchristwurzel (Helleborus niger) macht unter fortgesetztem Gebrauche beschwerliche Kopfschmerzen (daher wohl ihre Kraft in einigen Gemüthkrankheiten auch im chronischen Kopfschmerze), und ein Fieber; daher ihre Kraft, Quatanfieber zu heilen und eben daher zum Theil ihre Kraft in Wassersuchten, deren schlimmere Gattungen immer mit einem remittirenden Fieber vergesellschaftet sind und worinn sie mit Beihülfe ihrer (wer sagt, ob in der direkten, oder in der Nachwirkung, wie ich vermuthe, befindlichen?) Harn treibenden Kraft so hülfreich ist. (Leztere ist verwandt mit jener Eigenheit derselben, die Blutgefäße des Unterleibes, des Afters und der Bärmutter zur Thätigkeit zu reitzen. — Die Eigenheit derselben, eine zusammenschnürende, erstickende Empfindung in der Nase zu erregen, kann Anleitung geben, sie in ähnlichen Zufällen (die ich auch bei einer Art von Gemüthskrankheit gefunden habe) zu verordnen. Ihre häufige Verwechselung mit andern Wurzeln hat uns nur diese wenigen wahren Data übrig gelassen.

Der bohrende schneidende Schmerz, den der innere Gebrauch der Küchenschellwindblume (Anemone pratensis) in den kränklichen Augen hervorbringt, leitete zu ihrer glücklichen Anwendung im schwarzen Staare, dem grauen Staare und der Verdunkelung der Hornhaut. Der schneidende Kopfschmerz, der von dem innern Gebrauche des aus dem destillirten Wasser krystallisirten, brennbaren Salzes erfolgt — giebt Anleitung, diese Pflanze in einem ähnlichen Falle anzuwenden. Vermuthlich deshalb hat sie einst einen Melancholischen geheilt.

Die Nelkenwurzgaraffel (Geum urbanum) besitzt, ausser ihrer gewürzhaften Eigenschaft, eine Uebelkeit erregende Kraft, welche immer etwas fieberähnliclies im Körper hervorbringt, und daher etwa die Dienste gegen Wechselfieber leisten kann, wie Gewürze, neben der Ipekakuanhe gebraucht.

Der Bittermandelstoff, welcher die Arzneikraft der Kerne der Obstkirsche (Prunus Cerasus), der Traubenkirsche (Prunus Padus), des Pfirschmandelbaums (Amygdalus persica), der bittern Abart des Milchmandelbaums (Amygdalus communis), vorzüglich aber der Blätter der Lorberkirsche (Prunus laurocerasus) ausmacht, besitzt die besondre Eigenheit, Lebenskraft und Zusammenziehbarkeit der Muskelfaser in seiner direkten Wirkung so sehr zu erhöhen, als während der Nachwirkung beide sinken. Es erfolgt bei mäßig großen Gaben Angst, ein besondrer Magenkrampf und andere tonische Krämpfe, Kinnbackenzwang, Erstarrung der Zunge, Opisthotonus abwechselnd mit klonischen Krämpfen mancherlei Art und verschiedner Heftigkeit in der direkten Wirkung; *)

*) Wollte man die erste direkte Wirkung des Bittermandelstoffs, die ich durch die Phänomene von erhöheter Verkürzungsfähigkeit der Muskelfaser und Anstrengung der Lebenskraft dargestellt, deshalb ableugnen, weil in einigen Fällen ungeheurer Gaben der Tod fast augenblicklich, ohne sichtbare Reaktion der Lebenskraft oder Schmerz erfolge, so würde man eben so sehr irren, als wenn man dem Tode durchs Schwerd allen Schmerz absprechen und leugnen wollte, daß der Schwerdstreich einen vor sich bestehenden, von dem nachgehenden Tode verschiednen Zustand ausmache. Dieser Schmerz wird eben so unendlich, obgleich vielleicht weniger als augenblicklich seyn, als die Empfindung von Angst und Qual unbeschreiblich seyn wird, die auf eine, obschon kaum eine Minute dauernde Wirkung einer sehr tödlichen Gabe Kirschlorberwassers erfolgen mag und muß. Dieß beweist ein von Madden angeführter Fall der ungeheuren Angst in der Gegend des Magens (der Gegend des vermuthlichen Hauptorgans der Lebenskraft) eines binnen etlichen Minuten von einer großen Gabe Lorberkirschwasser Getödeten. Daß in dieser Kürze der Zeit nicht die ganze Reihe von Phänomenen, die nach einer untödlichen Gabe erfolgen, zum Vorschein kommen kann, ist leicht begreiflich, so wahrscheinlich es ist, daß ähnliche Veränderungen und Eindrücke auf die thierische Haushaltung in dieser kurzen Zeit (bis einige Augenblicke vor dem Tode, d. i. die einige Augenblicke dauernde indirekte Nachwirkung) im wesentlichen vor sich gehen werden, als ich oben von der direkten Wirkung aus der Natur angegeben habe — so sieht man wohl die elektrischen Erscheinungen, wenn man sie allmählig vor den Augen vorüber führen kann, aber in dem dicht vor uns niederströmenden Blitze weiß man nicht recht, was man gesehn oder gehört hat.

indeß erschöpft sich der Reitzbarkeitsstoff allmählig *)

*) Eine kleine Eidechse (Lacerta agilis) die sich in verdünntem Lorberkirschwasser eine Minute lang ziemlich schnell bewegt hatte, legte ich in konzentrirtes vor sich bereitetes Kirschlorberwasser. Sogleich wurden ihre Bewegungen so unendlich geschwind, daß man sie kaum mit Augen beobachten konnte etliche Sekunden lang; dann geschahen zwei oder drei langsame Zuckungen, und nun war alle Bewegung weg, sie war tod.

und in der Nachwirkung sinkt die, die Muskelfaser verkürzende Eigenschaft, und die Lebenskraft in eben dem Grade, als sie vorher gestiegen war. Es erfolgt Kälte, Erschlaffung, Lähmung — welches aber ebenfalls bald wieder vorüber geht.

(Man hat hie und da das Kirschlorberwasser bei Magen- und Körperschwäche als Analeptikum, das ist, als entgegengesetzt wirkendes Palliativ, wie leicht begreiflich, mit schlechtem Erfolge, als Hausmittel gebraucht. Lähmungen und Schlagfluß war der Ausgang).

Merkwürdiger und eigentlicher für uns gehörig ist die Heilkraft seiner direkten Wirkung (die eine Art von Fieberparoxysm darstellt) gegen Wechselfieber, vorzüglich, wenn ich recht sehe, gegen die wegen einer allzu thätigen Verkürzungsfähigkeit der Muskelfaser für die Rinde allein unheilbaren Wechselfieber. Eben so hülfreich ist das schwarze Kirschwasser oft bei Zuckungen der Kinder gewesen. — Als ähnlich wirkendes Mittel wird das Lorberkirschwasser in Krankheiten von allzu straffer Faser, oder wo überhaupt die Zusammenziehbarkeit der Muskelfaser ihre Erschlaffungsfähigkeit bei weitem übersteigt in der Hundswuth, im Tetanus, der krampfhaften Verschließung des Gallausführungskanals und ähnlichen tonischen Krämpfen, in einigen Manien u. s. w. sich hülfreich erweisen *),

*) Tonische (und klonische) Krämpfe ohne Entzündung des Blutes, und wo das Bewußtseyn nicht sonderlich leidet, scheinen der eigentlichste Wirkungskreis des Bittermandelstoffs zu seyn, da er meines Wissens selbst in der direkten Wirkung die Lebenswärme nicht erhöhet und das Empfindungssysystem unangegriffen läßt.

wie auch einige Erfahrungen zeigen. — In eigentlichen Entzündungskrankheilen verdient es gleichfals Aufmerksamkeit, wo es wenigstens zum Theil als ähnlich wirkendes Mittel handeln wird. Liegt die vom Bittermandelstoff beobachtete Harn treibende Kraft in seiner indirekten Nachwirkung, so hat man in Wassersuchten mit chronisch entzündlicher Beschaffenheit des Blutes sich viel von ihm zu versprechen.

Die Kraft der Rinde der Traubenkirsche (Prunus Padus) gegen Wechselfieber beruht nicht weniger auf dem darinn enthaltnen Bittermandelstoffe, mittelst dessen sie als ähnlich wirkendes Mittel handelt.

Vom Rundblattsonnenthau (Drosera rotundifolia) wissen wir nichts gewisses weiter, als daß er Husten erregt, und daher im feuchten Katarrhalhusten so wie in der Influenza mit Nutzen gebraucht worden ist.

Das Heilprinzip in den Blumen und andernTheilen des Schwarzholders (Sambucus nigra) (undAttichholders?) scheint in seiner anfänglichen direkten Wirkung, die Verkürzungsfähigkeit, der vorzüglich den natürlichen und Lebensverrichtungen zugehörigen Muskelfaser und die Blutwärme zu erhöhen, in seiner indirekten Nachwirkung aber diese Kraft der Muskelfaser herabzustimmen, die Wärme zu mindern, die Lebensthätigkeit abzuspannen (und wohl selbst die Empfindung zu mindern). Verhält sich dies so, wie mich dünkt, so werden sie, was sie in dem tonischen Krampfe der feinsten Enden der Arterien bei Erkältungskrankheiten, Katarrhen, dem Rothlaufe gutes ausrichten, als ähnlich wirkendes Mittel thun. Sollten die Holderarten nicht selbst flüchtige rosenartige Entzündungen erregen können?

Verschiedne für giftig gehaltene Arten des Sumach, z.B. Rhus radicans, scheinen eine spezifische Neigung zu besitzen, rosenartige Hautentzündungen, und Hautausschläge hervorzubringen. Sollte er nicht wirksam im chronischen Rothlauf und den schlimmsten Hautkrankheiten seyn? Der zu weit gehenden Wirkung desselben setzt der Schwarzholder (als ähnlich wirkendes Mittel?) Gränzen.

Der Kampher mindert in größern Gaben die Empfindung im ganzen Nervensystem; der Einfluß der (wenn ich mich des etwas groben Ausdrucks bedienen darf) gleichsam erstarrten Lebensgeister auf Sinnen und Bewegung wird gehemmt. Es entsteht eine Kongestion im Gehirne, eine Umnebelung, ein Schwindel, eine Unvermögenheit die Muskeln nach Willkühr zu regieren, eine Unvermögenheit zu denken, zu empfinden, sich zu erinnern. Die Zusammenziehungsfähigkeit der Muskelfasern, vorzüglich der zu den natürlichen und den Lebensverrichtungen gehörigem scheint bis zur Lähmung herabzusinken, die Reitzbarkeit sinkt in gleichem Grade, vorzüglich die der äussersten Enden *)

*) Auf diese scheint die Nervenkraft und ihr Zustand den meisten Einfluß zu haben, weniger auf die größern Gefäße, am wenigsten auf das Herz.

der Blutgefäße; weniger die der größern Schlagadern, noch weniger die des Herzes. Es entsteht Kälte der äußern Theile, kleiner, harter, allmählig langsamerer Puls, und wegen des verschiednen Zustands des Herzens gegen den der äussersten Enden der Blutgefäße — Angst, kalter Schweiß. Jene Verfassung der Faser erzeugt eine Unbeweglichkeit z. B. der Kinnbackenmuskeln, des Afters, der Halsmuskeln, die das Ansehn eines tonischen Krampfes annimmt. Es entsteht tiefer, langsamer Odem, Ohnmacht. *)

*) Ein Beweiß nach Carminati, daß der Kampher nichts weniger als die Reitzbarkeit auslöscht, sondern nur so lange suspendirt, als die Muskeln in der Abhängigkeit von dem erstarrten Nervenzustande bleiben — ist, daß, wenn schon alle Empfindung vom Kampher erloschen ist, das ausgeschnittene Herz nun noch um desto stärker zu schlagen fortfährt, Stunden lang.

Während dem Uebergange in die Nachwirkung erfolgen Konvulsionen, Wahnsinn, Erbrechen, Zittern. — In der indirekten Nachwirkung selbst beginnt zuerst die erwachende Empfindung und, wenn ich so sagen darf, Beweglichkeit des vorhin erstarrten Nervengeistes, die fast erloschene Beweglichkeit in den äussersten Arterienenden hebet sich, das Herz siegt über den bisherigen Widerstand. Die vorher langsamen Pulsschläge nehmen an Zahl und Größe zu, das Spiel des Blutsystems gelangt zu seinem vorigen Standpunkte, oder kömmt in einigen Fällen (von größern Kamphergaben, von Plethora u. s w.) wohl noch drüber — es entsteht geschwinderer, vollerer Puls. Je bewegungsloser vorher die Blutgefässe gewesen, desto leicht beweglicher werden sie nun; es entsteht vermehrte Wärme über den ganzen Körper, auch wohl Röthe und gleichförmige, zuweilen reichliche Ausdünstung. Der ganze-Auftritt ist in 6, 8, 10, 12, höchstens 24 Stunden geendigt. Unter allen Muskelfasern kehrt die Leichtbeweglichkeit des Darmkanals am spätesten zurück. — In allen Fällen, wo die Verkürzungsfähigkeit der Muskelfaser über die Erschlaffungsfähigkeit ein merkliches Uebergewicht hat, schafft der Kampher als entgegengesetzt wirkendes Mittel schnelle aber nur palliative Hülfe, in einigen Manien, in örtlichen und allgemeinen Entzündungen, reiner, rheumatischer und erisipelatöser Art, und in Erkältungskrankheiten.

Da im bösartigen reinen Nervenfieber das System der Muskelfasern das Empfindungsystem, und die gesunkene Lebenskraft etwas ähnliches mit der direkten, anfänglichen Wirkung des Kamphers hat, so wirkt er als ähnlich wirkendes Mittel, das ist, dauerhaft und hülfreich. Nur müssen die Gaben zwar hinlänglich groß, das ist, bis zur Erscheinung einer fast noch größern Unempfindlichkeit und Mattigkeit, doch selten, nur etwa aller 36 bis 48 Stunden (wo nöthig) gegeben werden.

Hebt der Kampher wirklich die Strangurie von Kanthariden, so thut er es als ähnlich wirkendes Mittel; denn auch er bewirkt Strangurie. Die schlimmen Zufälle von drastischen Purganzen nimmt er theils als Empfindung hemmendes und Fasern erschlaffendes (folglich entgegengesetztes, palliatives, hier zulängliches) Mittel hinweg. Bei den schlimmen Nachwirkungen der Squille, wenn sie chronisch sind — ein allzu leicht erregbares

Spiel der Verkürzungs- und Erschlaffungsfähigkeit der Muskelfaser, — handelt er nur palliativ und minder wirksam, wenn man die Gaben nicht häufig wiederhohlt. Eben so gegen die chronischen Zufälle vom Quecksilbermisbrauche. — Als ähnlich wirkendes Mittel und kräftig hilft er in dem lang anhaltenden Frostschauder ausgearteter (soporöser) Wechselfieber zur Unterstützung der Rinde. — Epilepsie und Konvulsionen, welche erschlaffte, der Reizbarkeit beraubte Faser zum Grunde haben, werden kräftig von der ähnlichen Wirkung des Kamphers gehoben. (Er ist ein bekanntes Gegenmittel großer Gaben Mohnsaft, wogegen er größtentheils entgegengesetzt palliativ, aber da der ganze Zufall transitorisch ist, doch hinreichend wirkt.) Eben so ist Mohnsaft ein wirksames Gegengift großer Gaben Kampher, wie ich erfahren. Jener hebt die durch leztern gesunkene Lebenskraft und verlöschende Lebenswärme entgegengesetzt, aber hier zureichend. — Ein sonderbares Phänomen ist die Wirkung des Kaffees bei der direkten Wirkung großer Gaben Kampher; er macht die erstarrte Reitzbarkeit des Magens krampfhaft beweglich, es entsteht konvulsivisches Erbrechen, oder im Klystiere schnelle Ausleerung, aber weder die Lebenskraft hebt sich, noch wird der betäubte Zustand der Nerven freier, eher noch betäubter; wie mir deucht erfahren zu haben. Da des Kamphers auffallendste direkte Wirkung auf die Nerven darinn besteht, daß alle Leidenschaften gleichsam einschlafen, und eine völlige Gleichgültigkeit gegen äussere, auch noch so interessante Dinge entsteht, wie ich erfahren habe, so wird er als ähnlich wirkendes Mittel in Manien hülfreich seyn, deren Hauptsymptom Gleichgültigkeit ist mit unterdrückten, langsamen Pulse und zusammengezogener Pupille — auch wohl, nach Auenbrugger, aufwärts gezognen Hoden. In Manien jeder Art ihn zu brauchen, ist zweckwidrig. Beim innern Gebrauche hebt wohl der Kampher temporelle allgemeine und lokale Entzündungen, auch wohl chronische auf etliche Stunden, aber die Gaben müßten gegen erstere sehr schnell wiederhohlt werden, wenn etwas Beträchtliches damit ausgerichtet werden sollte, d. i. immer wieder, ehe die Nachwirkung erscheint. Denn in der Nachwirkung verstärkt der Karnpher die Neigung zu erneuerter Entzündung nur desto mehr, macht sie chronisch und disponirt den Körper vorzüglich zu katarrhalischen und Verkältungskrankheiten. Beim äussern fortgesetzten Gebrauche kann er mehr leisten, und seine nachgängigen Nachtheile kann man hier auf andre Art wieder gut machen.

Die Gönner neuer Arzneien begehen gewöhnlich den Fehler, die widrigen Phänomene der von ihnen in Schutz genommenen Arzneien, ganz wider den Zweck, sorgfältig zu verheelen. *)

*) So liest man oft, daß die oder jene für sehr kräftig gehaltene Arzneisubstanz so und soviel hundert Kranke von den schwierigsten Krankheiten befreit haben soll, ohne die mindesten übeln Zufälle zu erregen. Hat das leztere seine Richtigkeit,,so kann man auf die völlige Unkräftigkeit der Droque einen sichern Schluß machen. Je bedenklicher aber die von ihr erregten Zufälle sind, desto schätzbarer wird sie für den Kenner.

Wäre diese Verheimlichung nicht, so könnten wir, z. B. nach den krankhaften Wirkungen, die die Rinde des Roßkestenäschels (Aesculus Hippocastanum) erregen mag, ihre Arzneikräfte würdigen, und einsehen, ob sie z. B. dem reinen Wechselfieber oder den Abarten desselben gewachsen sei, und welchen? Das einzige Phänomen, was wir von ihr kennen, ist, daß sie eine die Brust zusammenschnürende Empfindung hervor bringt; in der (periodisch) krampfhaften Engbrüstigkeit wird sie deshalb hülfreich befunden werden.

Die eignen Symptomen, die die Kermesphytolacke bei Menschen erregt, sind werth, genau beschrieben zu werden. Sie ist gewiß eine sehr arzneiliche Pflanze. Bei Thieren erregt sie Husten, Zittern, Konvulsionen.

Da die Rinde der Weißrüster (Ulmus campestris) bei ihrem *)

*) Will man eine günstige Induktion aus den ein Uebel verschlimmernden Wirkungen einer Droque ziehen, so muß diese Verschlimmerung gleich zu Anfange ihres Gebrauchs, das ist, in ihrer direkten Wirkung entstehen, nur dann kann man sie für gleichwirkend hülfreich halten. Die so häufigen nachgängigen (in der indirekten Nachwirkung) erfolgenden Krankheitserhöhungen beweisen das Gegentheil bei übel angepasseten Mitteln.

anfänglichen innern Gebrauche die Hautausschläge vermehrt, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß sie Neigung hat, dergleichen auch vor sich zu bewirken, folglich auch hülfreich dagegen seyn, wie auch die Erfahrung hinlänglich bestätigt.

Der Saft der Hanfblätter (Cannabis sativa) ist dem Anscheine nach ein dem Mohnsaft ähnliches Narkotikum. Doch dieß scheint nur so, bei den unvollkommnen Nachrichten, die wir von seinen krankhaften Wirkungen haben. Ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht Verschiedenheiten hätte, die ihm besondre Arzneikräfte anweisen werden, wenn sie bekannt sind. Er macht Gesichtsverdunkelungen und in dem Wahnsinn, den er erregt, mancherlei, gewöhnlich angenehme, Erscheinuugen.

Es scheint, als wenn der Safran (Crocus sativus) in seiner direkten Wirkung den Blutlauf und die Lebenswärme mindere; man hat langsamern Puls, Gesichtsblässe, Schwindel, Ermattung bemerkt. In diesen Zeitpunkt fällt vermuthlich die zuweilen von ihm beobachtete Erregung von Traurigkeit, die Kopfschmerzen und erst in den zweiten Zeitpunkt (die indirekte Nachwirkung) fällt wahrscheinlich die unsinnige ausgelassene Lustigkeit, die Betäubung der Sinnen, die Erhebung der Schlagadern, und die Hitze, welche er erregt, zulezt die davon beobachteten Blutflüsse. Er mag aus dieser Ursache wohl gehemmte Blutausleerungen wiederherstellen, als ähnlich wirkendes Mittel, indem seine Blutlauferhebende Kraft erst in die Nachwirkung fällt, folglich in der direkten Wirkung das Gegentheil statt finden muß. — Man hat ihn im Schwindel, und Kopfweh bei langsamen Pulse als ähnlich wirkendes Mittel dienlich gefunden. — In einigen Arten von Melancholie mit trägem Blutlaufe und bei Amenorrhöe scheint er ebenfalls als ähnlich wirkendes Mittel Dienste zu leisten. — Er hat mit Schlagfluß (in seiner direkten Wirkung) getödet und in gleichen Zufällen (verrnuthlich bei schlaffen Körpern) will man ihn hülfreich befunden haben. Die Zufälle von seiner Nachwirkung deuten auf eine stark erregte Reitzbarkeit der Faser; deshalb mag er wohl so leicht Hysterie erregen.

Der Taumellolch (Lolium temulentum) ist eine so kräftige Pflanze, daß, wer die krankhaften Symptome kennt, die sie erregt, dem Zeitalter Glück wünschen muß, wo man sie zum Heil der Menschen anzuwenden gelernt haben wird. Die Hauptzufälle der direkten Wirkung der Samen sind tonischscheinende Krämpfe (eine Art von Unbeweglichkeit), mit Erschlaffung der Faser und Hemmung der Lebensgeister — große Angst, Ermattung, Kälte, Zusammenziehen des Magens, Engbrüstigkeit, beschwerliches Schlingen, Steifigkeit der Zunge, drückender Kopfschmerz und Schwindel (beide halten so lange an, als von keiner bekannten Substanz erfahren worden, im höchsten Grade, mehrere Tage) Ohrensausen, Schlaflosigkeit, Sinnlosigkeit, oder Schwäche der äussern Sinne, rothes Gesicht, starre Augen, Funkeln vor den Augen. Während dem Übergange in die Nachwirkung werden die Krämpfe klonisch, es entsteht Stottern, Zittern, Erbrechen, häufiger Harnabgang, und (kalter) Schweiß, (Hautausschläge, Geschwüre auf der Haut?) Gähnen (andre Krämpfe), geschwächtes Gesicht, langer Schlaf. — In der Praxis kommen Fälle von der hartnäckigsten Art Schwindel, und Cephaläa vor; Fälle, die wir ihrer Unheilbarkeit wegen zu verlassen pflegen. Für die schwierigsten Fälle dieser Art scheint der Taumellulchsaamen geschaffen zu seyn; vermuthlich auch für Blödsinnigkeit, dem Skandal der Arzneikunst. — Für Taubheit und Amaurosis kann man auch etwas von ihm erwarten.

Die Meerzwiebel (Scilla maritima) scheint eine im Körper sehr lang anhaltende Schärfe zu besitzen, deren Handlungsart ich, aus Mangel genauer Nachrichten, nicht genau in direkte Wirkung und indirekte Nachwirkung abtheilen kann. Diese Schärfe, deucht mir, besitzt eine sehr dauerhafte Neigung, die Capacität des Blutes zum Wärmestoffe zu mindern, und. daher den Körper in eine langwierige Geneigtheit zu chronischer Entzündung zu setzen. Ob man diese Kraft zum Guten lenken könne, so wie sie bisher blos eine Klippe bei dem Gebrauche dieser Droque gewesen, kann ich wegen Dunkelheit des Gegenstandes nicht sagen. Da jedoch diese Kraft gewiß ihre Gränzen hat, wenigstens anfänglich nur akut inflammatorisch wirkt, und hintennach nur die chronischentzündliche Eigenschaft schleichender Art, vorzüglich erst nach langwierigem Gebrauche zurückläßt, so scheint sie mir auch mehr in reinen Entzündungen und straffer Faser, wenn sonst ihr Gebrauch nöthig ist, als bei kalter oder hektisch entzündlicher Beschaffenheit der Säfte und leicht beweglicher Faser angezeigt zu seyn. Die unvergleichliche Hülfe der Meerzwiebel in der Lungenentzündung, und die ungemeine Schädlichkeit ihres fortgesetzten Gebrauchs in chronischer geschwürigen Lungensucht, so wie in der schleimigen Lungensucht beweisen dieß zur Gnüge; von palliativen Erleichterungen ist hier die Rede nicht. Diese Schärfe setzt die Schleimdrüsen in Stand, einen dünnen Schleim, statt des zähern auszuarbeiten, wie jede mäsig inflammatorische Diathesis zu thun pflegt. — Die Meerzwiebel erregt in hoher Gabe Strangurie; es wird hieraus deutlich, daß sie in der zurückgehaltnen Harnabscheidung bei einigen Arten Wassersucht sehr hülfreich zur Harnabsonderung seyn müsse, wie die tägliche Erfahrung lehrt. Schnelle, akute Wassergeschwülste scheinen ihr vorzüglichster Wirkungkreis. — Sie hat Arten von Kitzelhusten gehoben, weil sie selbst vor sich Husten erregt.

Ansicht des Photos in GroßformatDas unvergleichliche Heilmittel, die Weißnießwurzel (Veratrum album) bringt die giftigsten Wirkungen hervor, welche dem nach Vollkommenheit strebenden Arzte Behutsamkeit und Hoffnung einflößen können, einige der schwierigsten Krankheitsfälle zu besiegen, die bisher gewöhnlich ohne Hülfe blieben. Sie erregt in der direkten Wirkung eine Art von Wahnsinn, welcher bei größern Gaben Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung, bei kleinern aber nur gleichgültige Dinge betrift, welche der Einbildungskraft als gegenwärtig dargestellt werden, da sie es nicht sind. Sie erregt in der direkten Wirkung a) Erhitzung des ganzen Körpers, b) Brennen in verschiednen äussern Theilen, z. B. den Schulterblättern, dem Gesichte, dem Kopfe; c) Hautentzündung und Auftreibung des Gesichts zuweilen (in größern Gaben) über den ganzen Körper; d) Hautausschläge, Abschuppung der Haut; e) eine kriebelnde Empfindung in den Händen und Fingern, tonische Krämpfe f) Zusammenschnürung des Schlundes, der Kehle, Erstickungsempfindung g) Erstarrung der Zunge, zähen Schleim im Munde; h) Zusammenschnürung der Brust; i) pleuritische Zufälle; k) Spannkrampf in den Waden; l) eine ängstliche (fressende?) Empfindung im Magen, Uebelkeit; m) Bauchgrimmen, und schneidende Schmerzen hie und da in den Gedärmen; n) allgemeine große Angst; o) Schwindel, p) Kopfweh (Hauptverwirrung); q) heftigen Durst. Beim Uebergange in die indirekte Nachwirkung löset sich der tonische Krampf in klonischen auf; es entsteht r) Zittern; s) (Stottern); ss) Verdrehung der Augen; t) Schlucksen; u) Niesen (vom innern Gebrauche); v) Erbrechen, (in hohen Gaben schwarzes, blutiges Erbrechen); w) schmerzhafte, kleine, mit Stuhlzwang begleitete, Stuhlgänge; x) örtliche Zuckungen oder (bei hohen Gaben) allgemeine; y) kalter (in sehr hohen Gaben, blutiger) Schweiß; z) wässeriger, reichlicher Harnfluß; aa) Speichelfluß; bb) Brustauswurf; cc) allgemeine Kälte; dd) beträchtliche Schwäche; ee) Ohnmacht; ff) langer, tiefer Schlaf. — Einige der Symptomen der direkten Wirkung l) m) n) p) q) — geben Anleitung, sie im Ruhrfieber, wo nicht in der Ruhr, gelegentlich zu prüfen. Der Wahnsinn, den sie erregt, nebst einigen Symptomen der direkten Wirkung e) f) g) h) n) q) geben Anleitung, sie in der Wasserscheu mit Zuversicht eines guten Erfolgs anzuwenden. Ein Hund bekam davon eine achtminutliche, wahre Wuth. Die Alten rühmen sie in der Wasserscheu. (Im Tetanus?), in der krampfhaften Verengerung der Speiseröhre, und in der krampfhaften Engbrüstigkeit wird sie wegen f und h spezifisch gefunden werden. In chronischen Hautausschlägen wird sie, wegen c und d bleibende Dienste leisten, wie auch schon die Erfahrung bei der Freßflechte (herpes) gelehrt hat. — In sogenannten Nervenübeln wird sie, wenn straffe Fieber, oder Entzündungssymptomen zu Grunde liegen (a q) und die Symptomen im übrigen viel Aehnlichkeit mit der Nieswurzkrankheit haben, hülfreich; so in Manien dieser Art. — Ein Gastwirth auf dem Lande von fester Faser, ausgearbeiteten Körper, rothen blühenden Gesicht und etwas hervorstehenden Augen bekam fast alle Morgen bald nach dem Erwachen eine ängstliche Empfindung um den Magen, welche binnen etlichen Stunden die Brust einnahm, sie beengte, zuweilen bis zum Ausbleiben des Athems, worauf nach einigen Stunden das Uebel die Gegend der Kehle einnahm und ihn zu ersticken drohte (wobei das Hinterschlingen fester und flüssiger Dinge unmöglich ward) und dann bei Sonnenuntergang auch diesen Theil verließ und blos den Kopf einnahm mit mismuthigen, verzweifelnden, trostlosen, selbstmörderischen Gedanken bis gegen zehn Uhr, da dann der Schlaf erschien mit Verschwindung aller krankhaften Symptome. Der beschriebne, der Nieswurzel eigne Wahnsinn, die straffe Fieber dieses Kranken und die Symptomen f) g) h) l) n) befahlen mir, ihm jeden Morgen drei Gran zu verordnen, welches er unter allmähliger Verschwindung aller Beschwerden vier Wochen lang fortsetzte; das Datum dieser seiner unglücklichen Krankheit war über vier Jahr. — Eine 35jährige Frau bekam nach vielen Fallsuchtanfällen in ihren Schwangerschaften etliche Tage nach ihrer lezten Niederkunft eine unbändige Raserei mit allgemeinen Zuckungen der Gliedmasen. Sie war schon zehn Tage mit Ausleerungen von oben und unten behandelt worden ohne Erfolg. Alle Mitternächte bekam sie ein Fieber mit großer Unruhe, wobei sie sich alle Kleider vom Leibe riß, vorzüglich alles, was um den Hals herum war. China trieb das Fieber nur immer etliche Stunden vorwärts, und vermehrte den Durst, die Angst; der nach Bergius Rath gebrauchte Dicksaft vom Tollstechapfel brachte die Zuckungen bald zum Schweigen, und veranlaßte vernünftige Stunden, in denen man erfuhr, daß ihre größte Beschwerde (ausser dem Fieber) die erstickende Empfindung im Halse und in der Brust sei, ausser Schmerzen in allen Gliedern. Mehr vermochte er nicht, vielmehr stiegen bei seinem fortgesetzten Gebrauche leztere drohenden Beschwerden, das Gesicht ward aufgetrieben, die Angst unermeßlich, das Fieber stärker. Brechmittel halfen nichts, Mohnsaft machte Schlaflosigkeit, vermehrte die Unruhe; der Harn war dunkelbraun, der Leib langwierig verstopft. Die hier gewiß unzweckmäsigen Aderlässe verbot noch überdieß die ungeheure Schwäche. Es kehrten Deliria zurück, auch bei dem Tollstechapfelextrakte und erneuerte Zuckungen und Fußgeschwulst. Ich gab ihr Vormittags einen halben Gran Pulver der Weißnieswurzel und Nachmittags um zwei Uhr eine gleiche Gabe. Es erschienen Deliria andrer Art, zäher Schleim im Munde; aber es erschien kein Fieber, es folgte Schlaf, und früh weißtrüber Harn. Sie war wohl, ruhig und vernünftig, große Schwäche abgerechnet. Die erstickende Empfindung im Halse war weg, die Gesichtsgeschwulst fiel, so wie die an den Füssen, nur erschien den Abend drauf, ohne daß sie Arznei nahm, eine verengende Empfindung in der Brust. Sie erhielt also noch einen halben Gran Nieswurzel den folgenden Nachmittag, es erfolgten kaum merkliche Deliria, ruhiger Schlaf, früh reichlicher Harnfluß und etliche kleine Stuhlgänge. Noch zwei Nachmittage bekam sie einen halben Gran Nieswurzel. Alle ihre Beschwerden waren vorüber — ihr Fieber verschwunden und ihre Schwäche gab guter Lebensordnung nach. Von einer noch plötzlicher damit geheilten Krampfkolik an einem andern Orte. — Sie hat sich als Manie und Krampf erregendes Mittel in der Besessenheit wirksam erwiesen. — In hysterischen und hypochondrischen Anfällen, denen straffe Fiber zum Grunde liegt, wird sie diensam seyn, wie sie auch zuweilen schon gewesen. Die Lungenentzündung wird ein hülfreiches Mittel an ihr finden. Ihre Wirkung ist kurz dauernd etwa auf 5, 8 höchstens 10 Stunden sammt der Nachwirkung — eingeschränkt; ausser in schweren Fällen von hohen Gaben.

Der Sabadillsamen macht Verstandesverwirrung und Konvulsionen und heilet dergleichen; aber die genauen Umstände sind noch nicht bekannt. Er erregt auch eine kriebelnde Empfindung durch alle Glieder, wie ich erfahren, und soll Magenschmerz und Uebelkeit bewirken.

Der Fliegenblätterschwamm (Agaricus muscarius) erregt, so weit meine Nachrichten gehen, einen trunknen, furchtlosen Wahnsinn (mit rachsüchtigen, kühnen Vorsätzen, Neigung zum Versemachen, zu Prophezeihungen u. s. w. verbunden), Erhebung der Kräfte, Zittern und Konvulsionen zur ersten direkten Wirkung, und Mattigkeit, Schlaf zur Nachwirkung. Er ist daher mit Nutzen in (von Schreck entstandner) mit Zittern verbundener Fallsucht gebraucht worden. Er wird mit seinen Wirkungen ähnliche Gemüthskrankheiten und Besessenheit heben. Seine direkte Wirkung dauert zwölf bis sechzehn Stunden.

Die Muskatennuß (Samenkern der Myristica aromatica) mindert die Reizbarkeit des ganzen Körpers, vorzüglich aber der ersten Wege sehr anhaltend. (Verstärkt sie nicht die Zusammenziehungsfähigkeit der Muskelfaser vorzüglich der ersten Wege, und mindert ihre Fähigkeit zu erschlaffen?) In großen Gaben bringt sie eine völlige Unempfindlichkeit des Nervensystem, Stummheit, Unbeweglichkeit, Verstandlosigkeit zur ersten direkten Wirkung und Kopfschmerz und Schlaf zur Nachwirkung hervor. Sie besitzt erwärmende Eigenschaften. Sollte sie nicht im Blödsinn, mit Schlaffheit und Reitzbarkeit der ersten Wege verbunden, dienlich seyn? gegen erstere als ähnlich und gegen leztere als entgegengesetzt wirkendes Mittel? Sie soll in Lähmung des Schlundes sich dienlich erwiesen haben; vermuthlich als ähnlich wirkendes Mittel.

Die Rhabarber ist mehr ihrer Neigung, den Stuhlgang zu fördern, als ihrer adstringenden Kraft wegen in Diarrhöen ohne Materie selbst in den kleinsten Gaben heilsam.

Die topischen Schmerzmittel, die Kanthariden, der Senfumschlag, der geriebne Meerrettig, die Seidelbastrinde, der gequetschte Hahnefuß, die glimmenden Baumwollkegel stillen figirten Schmerz durch einen künstlich erregten Schmerz andrer Art, oft mit bleibend gutem Erfolge.

 

Medic. Journ. II. Band, 4. Stück

 

 


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zuletzt aktualisiert: 19.06.2001

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